Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Article
- Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 5 satz ist das Programm der jungen Wissenschaft mit einer Klarheit und Sicherheit entwickelt, die noch heute Staunen erregen muß. Von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, daß er nicht nur das Judentum der Vergangenheit zum Gegenstand der Wissenschaft'machen will, sondern auch das Judentum in seiner vorliegenden lebenden Gestaltung. Eine wichtige Ergänzung dieses Aufsatzes bilden die „Grundlinien einer künftigen Statistik der Juden", die Zunz im selben Bande bietet. Die darin der Wissenschaft gestellten Ausgaben harren zum großen Teil noch immer der Lösung. Doch Zunz stellte nicht nur programmatische Forderungen auf, sondern er zeigte auch gleichsam an einem Musterbeispiel, was die Wissenschaft vom Judentum leisten solle und könne. Ich meine seine eben dort erschienene Arbeit über Raschi, die bis heute ein Vorbild methodischer Forschung aus dem Gebiete der mittelalterlichen jüdischen Literaturgeschichte darstellt. Nach dem Zusammenbruch des Vereins blieb Zunz als einziger Bannerträger des großen Gedankens übrig. Die seit 1820 von Markus Jost herausgegebene „Geschichte der Israeliten" war als erstes Werk dieser Art zwar nicht ohne Verdienst. Doch fehlen ihr die großen Gesichtspunkte, und in ihrer rationalistischen Kälte vermag sie nicht zu erwärmen und zu begeistern. Was Jost bot, hatte keine Ähnlichkeit mit dem, was der großen Seele von Zunz vorschwebte. So blieb Zunz vorerst ein einsamer Mensch, und sein Kampf erschien aussichtslos angesichts der Verständnislosigkeit seiner Zeitgenossen. Und doch verzweifelte er nicht, und während er in Deutschland zunächst keine Mitarbeiter fand, erstanden an zwei verschiedenen Stellen unter völlig anders gearteten Kulturverhältnissen bedeutende Männer, die ihrerseits am Aufbau der Wissenschaft entscheidenden Anteil nehmen sollten: Samuel David L u z z a t t o in Triest und Salomo Jehuda Rapaport in Lemberg. Beide veröffentlichten ihre ersten wissenschaftlichen Arbeiten in der hebräischen Zeitschrift Bikkure Haittim, die sonst größtenteils nur belletristische Beiträge brachte: Luzzatto 1825 eine Untersuchung über die hebräischen Synonyma und Rapaport 1828—1831 die Biographien von Saadia, Nathan Romi, Hai Gaon, Kalir, Chananel und Nissim den Jakob. Luzzatto und Rapaport kamen aus ganz anderen Kreisen und wandten sich auch wieder an ein ganz anderes Publikum als Zunz. Dieser wurde schon in einer von Wissenschaft erfüllten Atmosphäre groß und setzte Leser voraus, die bereits gewohnt waren, wissenschaftlichen Gedankengängen zu folgen. Trotzdem er meisterhaft hebräisch schreiben konnte, bediente er sich der deutschen Sprache, um gerade von den höher gebildeten Juden verstanden zu werden, und um die durch die einströmende Kultur an ihrem Judentum irre gewordenen Juden wieder zum Bewußtsein ihrer Eigenart und zum Verständnis ihrer überlieferten Geistesschätze zu bringen. Luzzatto dagegen und in noch höherem Grade Rapaport mußten sich erst selbst zur Wissenschaft durchkämpfen und wandten sich, da sie hebräisch schrieben, an eine Gemeinde, vor der sie nicht das Judentum, sondern die Wissenschaft rechtfertigen mußten. Denn das Judentum trugen ihre Leser als etwas Selbstverständliches in sich wie die Luft, die sie atmeten, und die Aufgabe bestand also vielmehr darin, sie durch eine wissenschaftliche Behandlung des ihnen vertrauten Stoffes auf eine höhere geistige Stufe zu heben. So war zwar der Kreis, in dem Luzzatto und Rapaport wirkten, weit enger begrenzt, aber innerhalb dieses Kreises war ihre Wirkung viel weitreichender und intensiver. Das gleiche gilt auch von den späteren hebräisch abgefaßten Meisterwerken der Wissenschaft, so von Nachman Krochmals More Nebuche Hasteman und I. i). Weiß' Dor Dor Wedorefchaw. Sie sind die eigentlichen Lichtbringer für die Juden Rußlands, Polens, Galiziens geworden. Ein solcher Einfluß war Zunz nicht beschieden, denn er wirkte auch auf der Höhe seines Schaffens immer nur auf einzelne erlesene Individuen, allerdings auch weit über den Kreis des Judentums hinaus, indem die von ihm geschaffene Wissenschaft in die allgemeine Wissenschaft einmündete. Das geschah 1832 durch sein großes und wahrhaft klastisches Werk über die „Gottesdienstlichen Vorträge". Der vollständige Titel lautet: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, historisch entwickelt. Ein Beitrag zur Altertumskunde und biblischen Kritik, zur Literatur- und Religionslehre." Das Werk, das bis auf den heutigen Tag in seinen meisten Partien noch nicht überholt ist, bildet den Grundpfeiler der Wissenschaft vom Judentum. Es stellt gleichsam in einem großen Querschnitt ein Bild von der äußeren und inneren Verfassung des Judentums während eines Zeitraumes von mehr als zwei Jahrtausenden dar. Die im Anschluß an die Thoravorlesung gehaltenen Vorträge, die seit der Entstehung der Synagoge einen integrierenden Bestandteil des Gottesdienstes gebildet hatten, find hier der Faden, an dem die ganze Geschichte der jüdischen Religion, des jüdischen Gottesdienstes, der jüdischen Literatur und Kultur aufgereiht erscheinen. Namentlich das ungeheure talmudische und midraschische Schrifttum, das bis dahin ein noch ungelichteter Urwald war, wurde wie mit einem Schlage aufgehellt. Und innerhalb dieses Schrifttums ist es wieder speziell die vor ihm jeder Forschung sich spröde entziehende Geisteswelt der Haggada, die hier in ihrer religionsgefchichtlichen Bedeutung erkannt und mit geradezu plastischer Anschaulichkeit dargestellt wird. Wohl verlangt das Studium des ganzen Werkes schon fachmännische Kenntnisse, doch sind manche wichtige Partien daraus auch für den Laien verständlich, vor allem das 19. und 20. Kapitel über den „Organismus der Haggada" und über das „Vortragswesen im Altertum". Das Werk hatte trotz seines streng wissenschaftlichen Charakters auch Bedeutung für das Leben, und zwar ebenso nach innen wie nach außen. Es erwies die Berechtigung der Predigt im jüdischen Gottesdienste, indem es zeigte, daß der Lehrvortrag in der Landessprache seit dem Altertum einen wichtigen Platz im Kultus der Synagoge eingenommen hatte. Und es wirkte nach außen hin mächtig nicht nur fiir die Anerkennung des Rechtes der Juden im Staat, sondern, was noch wichtiger ist, für die Anerkennung des Rechtes des Judentums im Reich der Geister. Die Vorrede des Werkes führt in dieser Beziehung eine so unzweideutige Sprache, daß sie durch die Zensur verboten wurde. Der tiefe Eindruck, den das Werk auch auf die christliche Gelehrtenwelt ausübte, spricht sich in dem Urteil Gsrörers aus, daß seit Spinoza kein Jude mehr etwas so Bedeutendes geschrieben habe. Selbst ein strenggläubiger christlicher Theologe wie Franz Delitzsch wurde dadurch angeregt, sich den Jüngern der von Zunz geschaffenen Wissenschaft beizugesellen, und seine 1836 erschienene Schrift „Zur Geschichte der jüdischen Poesie" bildet einen noch heute wertvollen Beitrag zur jüdischen Literaturgeschichte. Noch wichtiger aber war, daß innerhalb des Judentums eine Reihe von jungen Gelehrten dadurch veranlaßt wurden, sich der wissenschaftlichen Erforschung des Judentums hinzugeben. So tat sich 1835 unter Leitung von Abraham Geiger, damals Rabbiner in Wiesbaden, ein Verein von Gelehrten zusammen, der eine „Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie" her-