Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Article
- Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 1)
- Language
- German
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4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 Kundert Jahre Wissenschaft vom Judentum* Von Rabbiner Dr. Felix Perles, Honorarprofessor an der Universität Königsberg i. Pr. Der Verfasser, Sohn des sel. Münchener Gemeinderabbiners Dr. Josef Perles, hat uns diesen Artikel freundlichst überlassen. Der Gegenstand des heutigen Vortrags liegt anscheinend den Interessen der Gegenwart sehr fern. Denn er betrifft die Geschichte einer Wissenschaft, die nach allgemeiner Annahme nur im Verborgenen geblüht und keinen unmittelbaren Einfluß auf das Leben geübt hat. Bei näherer Prüfung aber stellt sich heraus, daß er doch im höchsten Sinne aktuell ist und geradezu eine Lebensfrage unserer Gemeinschaft berührt. Denn neben den greifbaren und sichtbaren Kräften, die die Entwicklung des Judentums im letzten Jahrhundert bestimmt haben, steht als unsichtbare, aber darum nicht weniger wirksame Macht d i e Wissenschaft, die nach dem Worte eines ihrer ersten Jünger sich zur Ausgabe machte, „die jüdische Welt sich selbst vorstellig zu machen". Die Wissenschaft vom Judentum war sich von Anfang an dieser Bedeutung bewußt. Sie war nicht, wie wohl mancher zuerst glaubte, die künstliche Schöpfung eines Kreises von weltabgewandten Gelehrten, sondern sie wuchs mit innerer Notwendigkeit heraus aus den ganzen Lebensverhältnissen der damaligen Juden, und sie sah es auch wieder als ihre Aufgabe an, entscheidend auf das Leben zu wirken. Erst die gewaltigen politischen und geistigen Umwälzungen, die in dem Menschenalter vom Tode Friedrichs des Großen bis zu den Wiener Verträgen die ganze Welt umgestalteten und auch die Juden aller Länder in ihren Strudel zogen, schufen den Boden, auf dem eine Wissenschaft vom Judentum organisch erwachsen konnte. Die Juden hatten in diesem Zeitraum den Anschluß an die allgemeine Kultur gewonnen und zugleich die bürgerliche Gleichstellung erlangt, aber dabei ihr Bestes verloren. Das hereinflutende neue Licht hatte sie geblendet. Alles Große, was sie bis dahin im Judentum besessen und wofür sie das schwerste Martyrium ertragen hatten, erschien ihnen mit einem Male glanzlos. Sie warfen es in den Winkel und stillten ihren Wissensdrang und Schönheitsdurst an fremden Quellen. Geistig und seelisch entwurzelt, verloren sie das. innere Gleichgewicht, und eine trostlose Verödung des ganzen jüdischen Lebens war die notwendige Folge. Dazu kam noch die bittere Enttäuschung darüber, daß die Blütenträume der bürgerlichen Gleichstellung nicht reiften. Denn durch die nach den Freiheitskriegen überall einsetzende Reaktion wurden die Juden von neuem ins Ghetto zurückgestoßen. Verzweiflung ergriff die jüdischen Massen uckd veranlagte viele, die alte Fahne ganz sortzuwerfen, während andere das Ghetto auch in geistiger Beziehung zu erhalten suchten, sich leidenschaftlich gegen jedes Eindringen neuzeitlicher Bildung wehrten und weder im Gottesdienst noch im Unterrichtswesen den veränderten Verhältnissen Rechnung tragen wollten. Da reifte in dem Kopfe eines armen jüdischen Studenten an der Universität Berlin der Gedanke, daß dem Judentum aus allen äußeren und inneren Nöten nur durch e i n Mittel geholfen werden könne: Es müsse sich nämlich zur Erkenntnis seines eigenen Wesens aufschwingen und mit allen Mitteln der methodischen Forschung sich selbst und seiner Umgebung Klarheit verschaffen über das, was seine Eigenart ausmache und ihm allein das Recht und die Möglichkeit einer Sonderexistenz verleihe. Es war Leo¬ * Aus dem Kömgsberger jüd. Gemeindeblatt 1925, Nummer 1—3, nach einem im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Königsberg gehaltenen Vortrage. pold Zunz, der nicht nur damals den kühnen Gedanken einer Wissenschaft vom Judentum faßte, sondern ihm sein ganzes langes Leben weihte und bis heute der unübertroffene Meister dieser Wissenschaft geblieben ist. Zunz, der Schüler von Böckh, Friedrich Aug. Wolf, Savigny und de Wette, war wie kein anderer dazu berufen, der Schöpfer der Wissenschaft vom Judentum zu werden. Denn mit der eindringenden Kenntnis des ganzen jüdischen Schrifttums verbanden sich bei ihm die Anregungen seiner großen Lehrer, die die Väter der historischen Kritik waren und dieselbe auf die klassische Sprach- und Altertumskunde, auf die Rechtswissenschaft und auf die Theologie anwandten. Keiner von ihnen war aber schon auf den Gedanken gekommen, auch das Judentum in den Kreis der Forschung einzubeziehen.' Während in jener Zeit die Sprachen und Literaturen Arabiens, Persiens, Indiens in den Lehrbetrieb der deutschen Hochschulen ausgenommen wurden, blieb das Judentum unbeachtet wie ein Aschenbrödel im Winkel stehen und erschien der gelehrten Welt nicht wert, sich mit ihm irgendwie zu beschäftigen. Da war es nun im höchsten Sinne eine Tat, wenn Zunz die neue wissenschaftliche Methode auch auf das Judentum übertrug und so ein ganz neues unübersehbares Gebiet für die Forschung erschloß. In seiner Dezember 1817 beendeten und 1818 im Druck erschienenen kleinen Schrift, „Etwas über die rabbinische Literatur", entwarf er ein scharf umrissenes Bild der ihm umschwebenden großen Aufgabe, das ganze Judentum, seine Ideen ebenso wie seine Geschichte, Literatur und Kultur einer von aller Tendenz freien wissenschaftlichen Behandlung zuzuführen. Er gab darin auch Proben der Unwissenheit und Parteilichkeit, mit der bis dahin selbst ernste Männer der Wissenschaft sich am Judentum versündigt hatten, und wies mit Nachdruck auf die dem Judentum verdankte Bereicherung des geistigen Schatzes der Menschheit hin. Zugleich zeichnete er auch schon die wichtigsten Einzelausgaben vor, die hier der Wissenschaft winken. Um den in der Schrift entwickelten Gedanken einen besseren Resonanzboden zu geben, gründet Zunz 1819 zusammen mit Eduard Gans und Mioses Moser den „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden". Diesem Verein schlossen sich bald zahlreiche, teilweise geistig hervorragende junge Juden, darunter Heinrich Heine und Ludwig Markus, an. Trotz aller anfänglichen Begeisterung seiner Mitglieder vermochte der Verein gegenüber der Teilnahmslosigkeit der breiten Öffentlichkeit nicht aufzukommen. Er löste sich nach vierjährigem Bestand wieder auf, und mehrere seiner begabtesten Mitglieder, wie Gans und Heine, traten zum Christentum über. Trotzdem hat der Verein nicht umsonst existiert. Denn als bleibendes Denkmal seiner Wirksamkeit hat er uns den ersten und einzigen Band der von Zunz 1822—23 herausgegebenen „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums" hinterlassen. Hier tritt zum ersten Male die Bezeichnung „Wissenschaft des Judentums" auf, die sich bis heute erhalten hat, trotzdem es korrekter und auch deutlicher wäre, statt dessen zu sagen „Wissenschaft vom Judentum". Denn das Judentum ist lediglich Objekt, aber nicht Subjekt dieser Wissenschaft. An der Spitze des Bandes steht ein Aufsatz von Wohlwill „über den Begriff einer Wissenschaft des Judentums".. In diesem Auf-