Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Article
- Hundert Jahre Wissenschaft vom Judentum
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 3)
- Language
- German
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6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. ausgab. Unter den Mitarbeitern finden wir außer Geiger, Zunz, Rapaport und Jost eine Reihe von damals noch wenig bekannten Namen, die aber bald einen guten Klang bekommen sollten, so Dernburg, Formstecher, Herxheimer, Munk, Steinheim. Obgleich die Zeitschrift nicht gerade die Pflege der reinen Wissenschaft als ihre Hauptaufgabe ansah und sich mehr die Anwendung der Wissenschaft auf die brennenden Fragen der Gegenwart angelegen sein ließ, hat sie doch geschichtliche Bedeutung als erster dauernder Sammelpunkt der wissenschaftlich gerichteten Geister innerhalb des Judentums und erschien, wenn auch mit großen Unterbrechungen, bis 1847. Von prinzipieller Wichtigkeit ist Geigers 1836 erschienener Aufsatz: „Die Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät, ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit." Geiger forderte hier, an irgendeiner deutschen Universität eine jüdisch-theologische Fakultät zur Heranbildung von wissenschaftlich geschulten Rabbinern zu errichten. Die hier erhobene Forderung, die dann namentlich Philippson mit großem Eifer, wenn auch ohne jeden praktischen Erfolg publizistisch vertreten hat, ist bis heute unerfüllt geblieben. Auch ist sie wenig glücklich formuliert, insofern als der Begriff der Wissenschaft vom Judentum in unzulässiger Weise verengert erscheint. Denn die jüdische Theologie bildet wohl einen Teil dieser Wissenschaft, erschöpft aber keineswegs ihren Inhalt, und die Bezeichnung der Wissenschaft mit diesem Namen belastet sie außerdem mit all den unfreundlichen Vorstellungen, die nun einmal schon das Wort Theologie — gleichviel ob mit Recht —1 in weiten wissenschaftlichen Kreisen auslöst. Wenn man die Wissenschaft vom Judentum mit einer anderen Wissenschaft in Parallele setzen will, kann es nicht die christliche Theologie sein, wohl aber die klassische Altertums-Wissenschaft, von der sie auch die Methode erhalten hat, und der sie auch darin gleicht, daß sie die Sprache und Geschichte, die Gedankenwelt und Kultur eines dritten klassischen Volkes zum Gegenstand hat. Auf der anderen Seite ist sie freilich auch von der klassischen Altertumswissenschaft verschieden, da ihr Objekt nicht bloß der Vergangenheit angehört, sondern auch noch heute lebt. Aber sonst weisen beide Wissenschaften eine weitgehende Übereinstimmung auf. Wenn wir indessen von der erwähnten Inkorrektheit in der Begriffsbestimmung unserer Wissenschaft absehen, so hat Geiger das große Verdienst, als erster erkannt zu haben, daß eine Wissenschaft, die sozusagen nur in der Lust schwebt und keine feste Lehrstätte hat, sich nicht normal entwickeln kann. Sein Ruf verhallte wirkungslos, ebenso wie die 1848 von Zunz in einem Schreiben an das preußische Ministerium ausgesprochene Bitte, eine ordentliche Professur für jüdische Literatur und Geschichte an der philosophischen Fakultät der Universität in Berlin zu errichten. Aber schon der bloße Gedanke hatte schöpferische Kraft und bewirkte dann später wenigstens die Errichtung von privaten Anstalten zur Pflege dieser Wissenschaft. Außer der Geigerschen Zeitschrift erstanden bald zwei weitere Fachorgane: Der von Fürst herausgegebene „Orient", in dessen „Literaturblatt" 1840—1851 eine Fülle wertvoller Abhandlungen niedergelegt ist, und die Frankelsche „Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judentums" 1844—1846. Unter den Mitarbeitern beider Zeitschriften finden wir neben vielen anderen den jungen G r ä tz und den jungen Steinschneider. Im allgemeinen aber waren gerade die 40er Jahre dem Aufblühen der Wisschenschaft nicht günstig. Die Kämpfe nach außen um die bürgerliche Gleichstellung und im Innern um die gottesdienstliche Reform absorbierten das Interesse und die Kraft der meisten Juden und lähmten den wissenschaftlichen Geist. Die Wissenschaft lieferte zwar vielfach das Rüstzeug, mit dem die Führer der verschiedenen innerhalb des Judentums sich bekämpfenden Parteien ihren Standpunkt verteidigten, aber die Masse hatte für die wissenschaftliche Begründung kein Verständnis, sondern operierte nur mit Schlagwörtern, für deren Verfechtung Eindringen in die Geschichte und Literatur des Judentums eher hinderlich als förderlich war. Nur Zunz arbeitete unbekümmert um die Ungunst der Zeit weiter an seiner Wissenschaft und veröffentlichte 1845 sein großes Werk „Zur Geschichte und Literatur". Dasselbe verbreitet über weite Strecken des mittelalterlichen Judentums neues Licht, doch schließen sich seine einzelnen Teile nicht zu einem einheitlichen Bilde zusammen wie bei den „Gottesdienstlichen Vorträgen". (Forts, folgt.) Episoden aus der beschickte der Zuden in vayern (Nach Berichten der Staatsarchive.) Von Rabb. Dr. M. Weinberg, Neumarkt i. d. Ops. Juden ist der Eintritt verboten. Obige Aufschrift, die wir in den Nachkriegsjahren an den Anschlagsäulen der bayerischen Großstädte in den Einladungen zu Volks- und Vereinsversammlungen so oft lesen durften, mochte wohl bei manchem Juden das Gefühl tiefster Erbitterung geweckt, wohl auch bei vielen Andersgläubigen die von ihr erhoffte aufreizende Wirkung nicht verfehlt haben. Jedenfalls aber hat sie augenblicklich ihre Schärfe verloren. Denn alle übertriebene Schärfe stumpft ab und alle alltäglichen Erscheinungen verlieren Reiz und Wirkung. Sicherlich hat auch mancher Andersgläubige über dieses Herabsinken einfacher Sitten vor der Öffentlichkeit beschämt sein Haupt geschüttelt. Daß man in der alten Zeit, wo die Juden zudem noch nicht als gleichberechtigte Staatsbürger betrachtet wurden, diesbezüglich anders dachte und gerade behördlicherseits in Derartigem einen öffentlichen Unfug erblickte und rücksichtslos gegen ihn vorging, dafür ein Beispiel aus dem Jahre 1790. In der bayerischen Residenzstadt München wohnte ein bürgerlicher „Chocoladenmacher" namens Harder. Dieser hatte in seinem Handel mit dem Juden Ullmann Geldverluste. Da Ullmann München verließ, entschloß Harder sich, sich einfach an einem anderen Juden namens Wertheimer schadlos zu halten und die verlorene Summe von ihm auf dem ordentlichen Gerichtswege zu erholen. Da dieser für ihn erfolglos blieb, schritt er zu Erpressung und roher Gewalt. Er bildete eine Leibgarde um sich und ging unter ihrem Beistände zum „Fauftrecht" über. Schließlich klagte er beim Magistrat gegen die ganze Iudenschaft in solidum um Entschädigung für seinen Verlust. Da auch dieser Weg nicht zum ersehnten Erfolg führte, griff er zu einer „in hiesiger Gerichtspraxis noch unbekannten Action". Er hängte am Eingang seiner Kaffeeschenke eine schwarze Tafel heraus, worin er sich den Eintritt der Iudenschaft mit großen Buchstaben verbat. „Wer die Absichten, die man durch solch eine Handlung erzielen will, nicht errät, der müßte in der Tat mehr als Anfänger in der