Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 10 (6.11.1925)
- Article
- Sigmund Fränkel
- Date
- 1925-11-06
- Page
- Seite 193 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2727810-2727811-2727821-2729108--00543-2729168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 193 wählt oder ernannt. Er galt dafür kraft seiner Persönlichkeit, die er stets einzusetzen wußte in dem Augenblick, wo es not tat. Unsere überlieferte Lehre kennt nichts, was sie höher stellt, als die Tugend der Bescheidenheit. Aber wo es gilt einzutreten für eine Sache der Gesamtheit, werden andere Eigenschaften vom Manne verlangt und gerühmt. nrn? Vnnsyn ü’jwx mp03 Dieses Wort kennzeichnet Sigmund Frankels Wesen und Wirken. Er war das, was unsere Vorfahren in den Zeiten des Mittelalters und bis in die Neuzeit, wohl in Anlehnung an den eben zitierten Satz aus den Sprüchen der Väter, einen „Schlad, lon" nannten. Damals, als ihre Existenz noch nicht durch die Rechtsordnung gesichert war, und sie mit ihrem Leben und ihrer Habe von der Gnade der Fürsten und Beschöfe abhängig waren, da gab es immer einzelne Juden, die geistig befähigt und durch gute Beziehungen in der Lage waren, ihren Glaubensbrüdern bei den regierenden Fürsten behilflich zu sein und bei den AmtSstellen für sie einzutreten. Schtadlonim nannte man sie; niemand hatte sie dazu berufen, aber jeder hat sie anerkannt. Sigmund Fränkel war ein solcher Schtadlon. Er hatte Eigenschaften) uM er besaß die Kunst des alten Schtadlon, aber er verband damit das Bewußtsein, daß das, was er forderte, er kraft des Rechts verlangen konnte, und er verstand es, für das Recht seiner Glaubensbrüder einzutreten. Wenn wir uns die Leitgedanken vor Augen führe» wollen, die Sigmund Fränkel in seinem ganzen Wirken beherrschten, so sind es die: Er verlangte Freiheit der Entwicklung. Fränkel, der gerne zitierte, hat einmal in einer Eingabe an die Gemeinde das Wort von Lazarus wiedergegeben, das dieser in seiner Einleitung zu den Michael Sachsschen Gedichten auf deren Verfasser geprägt hat: „Er war so kühn und freisinnig, orthodox zu sein." So war Sigmund Fränkel. Seine Forderungen auf dem Gebiete des jüdischen Gemeindelebenö waren beherrscht von dem Gedanken der Freiheit. Er konnte nicht billigen, daß man die Existenz der Gemeinden aufbauen wollte auf einem Zwangsgesetz. Die Ministerialentschließung von 1863, die von der bayerischen Orthodoxie und einem Teil der Rabbiner geradezu als Grundstein des bayerischen Judentums angesehen wurde, war er ohne weiteres fallen zu lassen bereit, als die Revision des IudenediktS von 1813 in Frage kam. Durch Staatsgesetze lasse sich jüdische Gesetzestreue nicht erhalten, sie könne nur in der Freiheit lebendig bleiben. Er hat den Gedanken der Freiheit auch in innerjüdischen Fragen vertreten, sowohl gegenüber seinen Gesinnungsfreunden als gegenüber den Männern der liberalen Richtung in der Gemeinde, denen er besonders gerne vorhielt, daß Liberalismus sich von Freiheit herleite. Er hat hier jede Art von Zwang bekämpft, den Zwang der Majorität gegenüber der Minorität, den Zwang durch Satzungen, die das lebendige Leben und die Entwicklung hemmten, den Zwang im allgemeinen und den Zwang im einzelnen. Nichts war ihm mehr verhaßt als der Zwang, ihm, dem Manne innerer Freiheit. Und neben dem Gedanken der Freiheit ist der Gedanke der Einheit bei seinem Wirken in der jüdischen Gemeinde für ihn im Vordergrund gestanden. Er erkannte, daß die Gemeindeeinheit nur erhalten werden könne, wenn innerhalb der Gemeinde alle Richtungen gleichberechtigt seien, und nicht die eine Richtung durch die Mehrheitsbestrebungen der anderen gezwungen werden könne, aus der Gemeinde sich zurückzuziehen. Eine notwendige Voraussetzung fiir die Einheit der Gemeinde sah er in der Gleichberechtigung aller ihrer Glieder nach religiöser Richtung, nach Herkunft, Staatsangehörigkeit usw. Eö wurde von ihm oft zitiert, was der Verfasser des ersten Entwurfs des Statuts einer Gesamtorganisation der deutschen Juden gesagt hat: „Juden dürfen niemals zwischen Juden und Juden differenzieren, weil sie sonst den Antisemiten einen Freibrief ausstellen, zwischen Juden und Nichtjuden zu differenzieren." Dieses klassische Wort war auch Sigmund Fränkels eigenes Bekenntnis. Aber sein ganzes erfolggekröntes Schaffen innrrhatb der jüdischen Gemeinschaft war nur dadurch möglich, daß in ihm selbst das j ü d i s ch e Bewußtsein das Wesensbestimmende war. Dieser erfahrenen, kulturell so vielfach interessierten und durchaus nicht unkomplizierten Persönlichkeit, war es selbstverständlich* daß vor allem anderen das Jüdische galt, und daß das Interesse an der Aufrechterhaltung und Pflege der jüdischen Gemein, schaft alle anderen Interessen weit hinter sich lasse. Was war das Geheimnis seiner Persönlichkeit? Ein Mann von reichem Geist, von schöpferischer Begabung, scharfer Logik, und einer ungewöhnlich raschen Einfühlungsgabe, er konnte das, was er erreichte, doch nur erreichen durch sein außerordentliches Temperament. Wir haben manche Männer in unserer Mitte, die ihm auf dem und jenem Gebiete gleichstehen, hierin konnte keiner ihm nahekommen. Es war etwas ganz Ungewöhnliches, wie sich bei ihm das, was er an Eindrücken empfing, sogleich auswirkte und umsetzte in die Tat. Und hierzu kam sein unermüdlicher Arbeitseifer, sein eiserner Fleiß. Jede Aufgabe, die man ihm stellte, und die er sich selbst stellte, e§ war niemand da, der sie rasch und energisch, so ausgiebig bearbeitet hätte. Sigmund Fränkel war ein Mann, der feine Ziele verfolgte im Kampf, Kampf war sein Lebenselement. Wir, die wir mit ihm zusammen gearbeitet haben, wissen, daß es Sigmund Fränkel wenig Freude bereitete, wenn ein von ihm angebrachter Antrag sofort angenommen wurde. Es war ihm ganz wohl nur, wenn seine Anträge zunächst auf Widerstand stießen, und wenn er dann im Kampfe mit seinen Gegnern den Sieg errang. Er hat seine Kämpfe geführt in Wort und Schrift, mit' den schweren Waffen der Logik und Dialektik und mit den leichteren des Witzes und der Ironie. Manches Bonmot, das er unserem Kreise gebrauchte, ist hier lange lebendig geblieben. Daneben war er ein liebenswürdiger Kollege, ein prächtiger Gesellschafter. Nur sehr selten ist eS vorgekommen, daß er sich nach einer noch so heftigen Debatte und Auseinandersetzung nicht von jedem einzelnen auch seiner Gegner in freundschaftlicher Weise verabschiedet hätte. Sigmund Fränkel war als Politiker ein Parteimann im besten Sinne des Wortes. Er vertrat unentwegt und folgerichtig das, was seine Partei, seine Richtung forderte, was seine eigene Überzeugung erheischte. Aber er blieb neben dem Parteimann immer der Staatsmann, der Mann der großen politischen Linie, der nie über dem Gedanken der Richtung und der Gruppe, den Gedanken der Gesamtheit vergaß. Das wissen ihm alle zu danken, die mit ihm gearbeitet haben, und darauf beruht auch der große Erfolg seiner Arbeit in unserem Kreise. Sigmund Fränkel hat wenige Tage vor seinem Tode zwei Mitglieder des engeren Vorstandes unserer Gemeinde gebeten, zu ihm an sein Krankenlager, an sein Sterbebett zu kommen. Und diese kurzen Minuten des Beisammenseins sind den beiden unvergeßlich geblieben. Hier zeigte sich die große Persönlichkeit und die innige Verknüpfung, die ihn bis zum letzten Atemzug mit den Dingen unserer Gemeinde und der großen jüdischen Gemeinschaft verband. Was ihn bei diesem letzten Zusammensein bewegte, er konnte es nicht wie sonst in beredten Worten aus-