Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 10 (6.11.1925)
- Article
- Sigmund Fränkel
- Date
- 1925-11-06
- Page
- Seite 192 (sequence 3)
- Language
- German
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192 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 seines Eintretens in die Gemeindeverwaltung an war er der Vorsitzende des R i t u a l a u s s ch u s s e 6. Er hat diese Aufgabe außerordentlich ernst genommen, wie er alle seine Pflichten ernst und wichtig nahm. Ja er hat diese Seite feiner Tätigkeit oft als die bezeichnet, die ihm selbst am bedeutsamsten erschien. Was er in der Ordnung des SchechitawesenS, der Fleisch- und MazzoSversorgung geleistet hat, dies ist all den Kreisen bekannt, für die das Ritualwesen eine Gewissensangelegenheit ist. Auf diesem Gebiet gab es für ihn kein Paktieren und er verstand es kraft seiner Persönlichkeit, den Gewissensbedenken der religiösen Minderheit Achtung bei allen auch noch so anders denkenden Verwaltungsmitgliedern zu verschaffen. Vor allem aber auch nach außen wußte er die ihm besonders teueren Einrichtungen gegen Angriffe zu verteidigen. Wir haben sein Wirken auf diesem Gebiete noch vor wenigen Monaten, als ihn die volle Kraft schon verlassen hatte, in einer außerordentlichen Weise gesehen. Als im Frühjahr dieses Jahres eine hiesige Tageszeitung einen Vorstoß gegen das Schächtwesen in München brachte, war Sigmund Frankel sofort auf dem Plane, um den Feind abzuwehren. Er hat damals gearbeitet wie ein Junger, seine ganze Zeit, seine ganzen Gedanken ausschließlich in den Dienst der Aufgabe gestellt, mit der gleichen Wirksamkeit, dem gleichen Erfolg, wie wir es bei ihm gewohnt waren. Abgesehen vom Ritualausschuß hat sich Sigmund Frankel noch im WohlfahrtSwesen der Gemeinde viele Jahre betätigt. Er war vor allem lange Zeit im Ausschuß der Ritterstiftung, oder, wie er sie stets nannte, der S u p p e n k ü ch e, tätig, die ihm ganz besonders am Herzen gelegen war, und für die er nicht nur durch Geldunterftützungen und Sammlungen eintrat, sondern auch persönlich sich einsetzte. Die Gäste der Ritterschcn Speiseanstalt haben es alle in Erinnerung, wie Sigmund Fränkel an jedem Sederabend dort erschien und eine festliche Ansprache hielt, die diesem Kreise, der des Familienanschlusses entbehrte, Feiertagsweihe und FesteSftimmung brachte. Dies kleine Bild weckt mehr als lange Ausführungen einen Eindruck von dem, was Sigmund Fränkel war, was er menschlich zu geben wußte. Daß er, der bedeutende Wirtschafts- und Finanzpolitiker, auf dem Gebiete des gemeindlichen Finanzwesens, vor allem des Steuerwesens, tätig war, hier vielfache Anregungen gab und fruchtbare Arbeit leistetet, ist bereits betont worden. Sigmund Fränkel war dauernd Mitglied und häufig Referent des Finanzausschusses. Das gemeindliche Steuerwesen lag, als Fränkel in die Verwaltung eintrat, ziemlich im argen: das System war veraltet. Sigmund Fränkel stellte als erste Forderung neben der politischen Reform der Gemeinde die der Änderung des Steuerwesens auf. Er betonte damals schon als Grundgedanken, die Anpassung unseres Steuerwesens an das des Staates und die Einhebung der Kultusumlagen durch die staatlichen Finanzorgane. Auch hier hat die Neuzeit ihm recht BÄER & ÄUERBÄCH BANKGESCHÄFT MHXIMILIÄNSPLÄTZ18 Ausführung aller Börsen-Aufträge ( Kontokorrent-Kredite Beratung und Interessenvertretung Äu f wer tun gs fragen gegeben. Seine finanzpolitischen Ideen auf dem Gebiete deö Steuerwesens hat er vor allem aber auch ausgebaut nach der Richtung, daß die Steuerkraft der Großgemeinden des Landes nutzbar gemacht werde ftir die Bedürfnisse des gesamten Landes, insbesondere der Kleingemeinden. Ihm war es nicht gleichgültig, daß draußen auf dem Lande die jüdischen Lehrer in bitterer Not waren, daß die Besoldung, die die Landgemeinden ihren Beamten geben konnten, nicht einmal ausreiä)te, das nackte Leben zu fristen. Er hatte erkannt, daß der soziale Tiefstand der jüdischen Beamten das Ansehen der gesamten jüdischen Glaubensgemeinschaft sd)ädigen müsse. Und er hat daher von früh an mitgearbeitet der Not zu steuern, die der Landesverein mit seinen kleinen und von ihm als gänzlich unzureichend erkannten Mitteln nicht beheben konnte. In diesem Gedanken bewegt siä) eine von Sigmund Fränkel verfaßte eingehende Studie, die in der angesehensten verwaltungsrechtlichen Zeitschrift Bayerns, den ,,Blättern für die administrative Praxis" erschienen ist, in der er gestützt auf das bayerische statistische Material, auf die Erfahrungen der Nachbarländer und auf die Verhältnisse bei den anderen Religionsgesellschaften Vorschläge brachte, wie durch Schaffung einer Zentralkasse für das ganze Land dem Übelftand durä)greifend abgeholfen werden könne. Auä) diese Vorsä)läge sind, wenn auch in wesentlich anderer Form, später verwirklicht worden. Und wenn wir heute einen Landesverband Bayerischer Gemeinden haben, so ist dieser in seiner Verfassung, vor allem in den Zielen, die er sich gesetzt hat, stark durchdrängt von Gedanken, die Sigmund Fränkel ein Jahrzehnt und länger vor der jüdisä)en Offentlichkeit vertreten batte. Wir hatten in der Gemeinde mehrere Jahre hindurch einen A b w e h r a u 6 s ch u ß , der in den nach dem Kriege eingetretenen Zeiten antisemitischer Kämpfe die Interessen der Gemeinde wahrnehmen sollte, und dem Sigmund Fränkel als tätiges Mitglied angehörte. Keiner hatte so früh wie Sigmund Fränkel erkannt, daß der Krieg und seine Folgen uns die Gefahr antisemitischer Strömungen bringen würden. Es ist einer der stärksten Eindrücke, die ich von Sigmund Fränkel bewahrt habe, die Szene, die sich abgespielt hat im Synagogenhof von Ohel Jakob am Pessach 1917. Es war damals die Nachricht gekommen von dem Eintritt Amerikas in den Krieg. Durch dies politisä)e Ereignis bestürzt, fragten wir uns damals: Was wird die Folge für Deutschland fein? Wird Deutschland sich halten können auä) gegen diesen übermächtigen Feind? Ich sprach darüber mit Sigmund Fränkel und hörte von ihm Worte, die mir zunächst lange Zeit unverständlich waren: Dies Ereignis bedeutet, daß wir in einigen Jahren in München Pogrome haben werden. Er hat damals vorausgesehen, was sechs Jahre später eingetreten ist. Als wir uns dann wehren mußten für unser Leben, für unser Gut und Blut, da stand er wieder da; und er war derjenige, der hinaustrat, und ohne Scheu vor irgend jemand sich einsetzte für unsere Rechte, gegenüber den Anfeindungen, die so stark und so gefährlich schienen, und die ihn selbst zur Zielscheibe eines körperlichen Angriffs gemacht haben. Er erkannte auch früher als andere die Gefahren, die in der Art lagen, wie zu Beginn der Revolution jüdische Persönlichkeiten sich an die Spitze der allgemeinen Staatsverwaltung stellten, und hat furchtlos seine warnende Stimme dagegen erhoben. Ein großer Teil der nichtjüdischen Öffentlichkeit und wohl die gesamte deutsche Iudenheit hat in Sigmund Fränkel durch , viele Jahre den geborenen Führer und Repräsentanten des ganzen bayerischen Judentums gesehen. Niemand hatte ihn dazu ge-