Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 9 (7.10.1925)
- Article
- Schopenhauer und die Juden
- Date
- 1925-10-07
- Page
- Seite 171 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeilung 171 er früher angebetet hatte. Er fühlte sich zu allen Religionen hingezogen, die dieser sein Pessimismus durchwehte. In den wellentsagenden Lehren der Indier, den Upanishads und dem „Buddhaismus", aber auch im Christentum des Neuen Testaments spürte er von seinem Wesen einen Hauch. Judentum und Islam aber waren ihm ein SinnbiÜ, des Optimismus, jenes „Grundirrtums, der aller Wahrheit den Weg vertritt", Das ist es, was den Empiriker Schopenhauer eine so leidenschaftliche Sprache gegen das Judentum finden ließ: Seine bitteren Lebenserfahrungen haben ihn schon früh darüber belehrt, daß die Welt ein Übel sei und daß es besser wäre, nicht zu sein. Man bedenke, was Schopenhauer mit 25 Jahren (1813) zu Konzept bringt: „Wie kann es uns doch wundern, daß diese Welt das Reich des Irrtums und der Torheit, die der Weisheit auf das Haupt schlägt, ist, daß Bosheit darin wütet, und jeder Abglanz des Ewigen nur wie durch Zufall darin Raum findet, dagegen tausendmal verdrängt wird?" und man wird verstehen, wie sehr sein Innerstes sich auflehnen mußte, wenn er las (1. Buch Moses, 31): „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut." Hier begegneten sich zwei Welten, die nicht zusammenkommen konnten. Wir stehen vor einer der tiefsten Fragen, die, so lange es Menschen gibt, Gemüt und Verstand in gleicher Weise beschäftigen. Einen Versuch ihrer Lösung fand Schopenhauer in der Kabbala. „Die Kabbalistische und die Gnostische Philosophie, bei deren Urhebern, als Juden und Christen, der Monotheismus vorweg feftftand, sind Versuche, den schreienden Widerspruch zwischen der Hervorbringung der Welt durch ein allmächtiges, allgütiges und allweises Wesen und der traurigen, mangelhaften Beschaffenheit eben dieser Welt aufzuheben. Sie führen daher, zwischen der Welt und jener Weltursache, eine Reihe Mittelwesen ein, durch deren Schuld ein Abfall und durch diesen erst die Welt entstanden sei. Sie wälzen also gleichsam die Schuld vom Souverän auf die Minister. Angedeutet war dies Verfahren freilich durch den Mythos vom Sündenfall, der überhaupt der Glanzpunkt des Judentums ist." (Parerga 1, § 8). Der Mythos vom Sündenfall war indes nicht der einzige „Glanzpunkt des Judentums", der Schopenhauer erwärmte. Obwohl er einmal im Alter seinem Verehrer Dr. Asher schrieb, alles Hebräische und Islamische sei ihm eigentlich antipathisch, war er doch ein seltener Kenner der jüdischen Meister. In der Preisschrift über die Freiheit des Willens beruft er sich auf Jeremias IO, 23 als seinen ältesten Vorgänger: „Ich weiß Herr, daß des Menschen Tun stehet nicht in seiner Gewalt, und stehet in Niemandes Macht, wie er wandele, oder seinen Gang richte." Mit Genugtuung stellt er fest, daß auch Spinoza, den er wiederholt einen „großen Mann" nennt, von derselben Überzeugung wie er durchdrungen war. Auch das 4. Buch der M a c c a b ä e r , das leider in der Luther'schen Bibelübersetzung fehlt, bezeichnet er als eine Abhandlung über die Willensfreiheit, „sofern es sich zur Aufgabe macht, den Beweis zu sichren, daß die Vernunft die Kraft besitzt, alle Leidenschaften und Effekte zu überwinden, und dies belegt durch die Jüdischen Märtyrer im 2. Buch." Mit wahrer Erbauung muß der große Pessimist das Buch Hiob, die Sprüche Salomos und den Koheleth (den „Prediger Salomo") gelesen haben. Viele Stellen in seinen Werken legen davon Zeugnis ab. Namentlich d i e Weisheit des Koheleth hatte es ihm angetan. Wir wissen aus Schopenhauers eigenem Munde, daß die Upanishaden der Trost seines Lebens waren, und wir hören aus der Art seines Zitierens die gewaltige Wirkung des Koheleth heraus. Am Ende des 2. Bandes des Hauptwerkes (Welt als Wille II, Kap. 49) legt Schopenhauer noch einmal in wundervoller Weise das Leiden als den großen Läuterungsprozeß aus, der niemanden von uns erspart bleibt, um dann fortzufahren: Ja, schon der noch jüdische, aber so philosophische Koheleth sagt mit Recht: „Es ist Trauern besser, denn Lachen. Denn durch Trauern wird das Herz gebessert" (7, 4). Im „Willen in der Natur" (Ende des Kapitels „Physiologie und Pathologie") — Allen, die Schopenhauer kennenlernen wollen, empfehle ich, mit dieser überaus klaren, kleinen Schrift zu beginnen — erklärt er, wie es komme, daß das Genie dazu neige, die übrigen Menschen nicht als solche anzuerkennen. „In diesem Sinne" — so heißt es — „suchte Diogenes mit der Laterne nach Menschen; — der geniale Koheleth sagt: „unter Tausend habe ich einen Menschen gefunden, aber kein Weib unter allen diesen." (7, 29.) Wer vermag zu sagen, ob die Stimme des Predigers Salomo nicht Schopenhauer sein eigenes Schicksal kündete? So verblassen die Angriffe Schopenhauers auf die Juden durch die Ehrfurcht vor ihren überragenden Geistern. Sie treten noch weiter zurück, wenn man sich der innigen Beziehungen Schopenhauers zu jüdischen Männern erinnert. Es ist bekannt, daß sein erster Apostel ein ursprünglich zum Rabbiner bestimmter Jude aus Bojanowo in Posen war: Dr. Julius Fr a u e n ft ä d 1. Nachdem dieser im Juli 1846 - Schopenhauers Hauptwerk war 1819 erschienen, 27 Jahre später meldete sich der erste Apostel — in Frankfurt persönlich mit ihm bekannt geworden, veröffentlichte er 1854 seine „Briefe über die Schopenhauer'sche Philosophie", die erste größere Publikation über Schopenhauer. Bedeutsamer noch als diese Briefe ist Schopenhauers Briefwechsel mit Frauenstädt, der, mit einer Unterbrechung von 3 Jahren, die Zeit von 1848-1859 umfaßt. Zwar war Frauenstädt nicht immer das Ideal eines Jüngers. Er ging zuweilen seine eigenen Wege und erregte häufig durch seine Unbelehrsamkeit den Ingrimm Schopenhauers. Trotzdem wurde er für seine Treue von Schopenhauer großartig belohnt. Ihm vermachte er neben anderem Wertvollem das Beste, was er zu vergeben hatte: Seine wissenschaftlichen Manuskripte und das Verlagsrecht zu allen ferneren Auflagen feiner Schriften. Frauenstädt hat das Vertrauen Schopenhauers glänzend gerechtfertigt. Er benützte das Vermächtnis zur ersten Gesamtausgabe von Schopenhauers Werken (Leipzig, Brockhaus 1873) und setzte seinerseits die Universitätsbibliothek in Berlin als Erbin der Manuskripte des großen Denkers -ein. So ist sein Name mit dem seines Meisters unzertrennlich verbunden. Daß zu den wenigen Getreuen Schopenhauers auch der jüdische Lehrer an der Handelsschule zu Leipzig Dr. David A s h e r zählte, wurde bereits erwähnt. Auch er trat unermüdlich m Wort und Schrift (Arthur Schopenhauer als Interpret des Goethe'schen Faust, Leipzig 1859) für ihn ein und erwarb sich dadurch seine warme Zuneigung, wenn er es auch an wissenschaftlicher Bedeutung mit Frauenstädt nicht aufnehmen konnte. Schopenhauer hat ihn ebenfalls in seinem Testament bedacht. In einer Abhandlung, die sich mit Schopenhauer und den Juden befaßt, darf das Curiosum nicht unerwähnt bleiben, daß Schopenhauer zu seinem Testamentsvollstrecker den j ü d i s ch e n