Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 9 (7.10.1925)
- Article
- Schopenhauer und die Juden
- Date
- 1925-10-07
- Page
- Seite 170 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727811-2727820-2729049--00490-2729081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
170 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 Schopenhauer und die Juden Von Dr. Hans Taub (München). Das Thema scheint hinreichend erörtert. Jeder Gebildete weiß oder glaubt zu wissen, daß Schopenhauer den Juden nichts weniger als freundlich gesinnt war. Bis in die jüngste Zeit haben ihn die Feinde de§ Judentums in die vorderste Reihe ihrer Bundesgenossen gestellt und schmunzelnd registriert, daß Schopenhauer die Juden ebenso verachtet habe wie Kant, Goethe und Richard Wagner. Da bekanntlich im Lande der Dichter und Denker wenig gedacht wird, ist heute die Ansicht allgemein verbreitet, daß die Juden gut daran tun, von Schopenhauer als einem ihrer erbittertsten Gegner zu schweigen. Nichts aber wäre verkehrter als dieö! Es soll hier nicht versucht werden, die harten Urteile Schopenhauers über die Juden zu vertuschen oder zu beschönigen. Schopenhauer hat — wer wollte es leugnen? — giftige Pfeile gegen die Juden abgeschossen, die sie so schwer trafen, daß sie heute noch unter ihnen zu leiden haben. Er bezeichnet schon in seinem Hauptwerk (Welt als Wille und Vorstellung I, § 48) die Juden als ein von den gleichzeitigen großen Völkern des Orients und Occidents verachtetes Winkelvolk, er bezeichnet eS (ebenda) als ein großes Unglück, daß unsere Kultur nicht etwa auf die Indier oder die Griechen, sondern auf „gerade diese Juden" zurückgehl, er wünscht (Parerga und Paralipomena I, § 13), daß jedes Volk, das sich einen Gott hält, der die Nachbarländer zu „Ländern der Verheißung" macht, rechtzeitig seinen Nebukadnezar finden möge und seinen Antiochus Epiphanes dazu, er behauptet (Parerga und Paralipomena II, § 175), das auserwählte Volk Gottes habe in Ägypten „seinen alten, zutrauenSvollen Freunden die dargeliehenen goldenen und silbernen Gefäße gestohlen", er greift Moses leidenschaftlich an, er urteilt von den Juden (Parerga und Paralipomena II, § 133), daß der hervorstechendste Fehler in ihrem Nationalcharakter eine wundersame Abwesenheit dessen sei, was das Wort verecundia (Ehrfurcht) bedeute und er beklagt es in seiner Preisschrift über die Grundlage «der Moral (tz 19), daß, wenn im Gegensatz zu allen anderen Ländern Europa nicht die Quelle der Moralität erkannt habe, allein der foetor Judaicus („der Knoblauchgeruch") schuld sei, der hier Alles und Alles durchziehe. Es erhellt auf den ersten Blick, daß Schopenhauer mit schwerem Geschütz gegen die Juden auffährt. Seine Angriffe wiegen dadurch nicht leichter, daß er an der soeben erwähnten Stelle (Parerga und Paralipomena II, § 133) auch einiges zum Lobe der Juden ausführt. So bezeichnet es Schopenhauer als ein Wunder, daß „das kleine jüdische Volk, seit bald zwei Tausend Jahren aus seinem Wohnsitz vertrieben, noch immer fortbesteht und heimatlos umherirrt, während so viele und glorreiche Völker, neben welchen eine solche Winkelnation gar nicht zu nennen ist, Affyrer, Meder, Perser, Phönizier, Ägypter, Heturier usw. zur ewigen Ruhe eingegangen und verschwunden sind." Auch rühmt Schopenhauer dem jüdischen Volke nach, daß es zwar parasitisch auf den anderen Völkern und ihrem Boden lebe, aber dabei nichtsdestoweniger vom lebhaftesten Patriotismus für die eigene Nation beseelt sei, „den es an den Tag legt durch das festeste Zusammenhalten, wonach Alle für Einen und Einer für Alle stehen; so daß dieser Patriotismus sine patria (ohne Vaterland) begeisternder wirkt, als irgend ein anderer." Also auch da, wo Schopenhauer die Juden lobt, geht es nicht ohne Seitenhiebe ab. Wie kam e6, daß der Philosoph, der die Herzensgüte als eine transzendente Eigenschaft bezeichnet, der das Mitleid als die wahre Grundlage der Moral erkannt und die Menschenliebe als eine der Kardinallugenden gepriesen hat, Urteile über die Juden fällte, die beinahe erbarmungslos zu nennen sind? So persönlich auch Schopenhauer dem Judentum auf den Leib zu rücken scheint, seine Angriffe wurzeln in seinem philosophischen S y ft -e m. Vergessen wir nicht, daß Schopenhauer der größte, ja vielleicht der einzige Metaphysiker ist, den die vergangenen Jahrhunderte hervorbrachten. Dadurch, daß er entdeckte, daß das von Kant als das ewige Rätsel zurückgelassene Ding an sich in allen Erscheinungen der Natur, deren größte der Mensch ist, sich als Wille manifestiert, hatte er wie mit einem Zauberftab die Brücke zum fernen Eiland der Metaphysik geschlagen. Ist es zu verwundern, daß er, der geborene Metaphysi'ker, alle Religionen verwarf, die ihm auf transzendente Fragen keine Antwort gaben? E S i st b e zeichnend, daß Schopenhauer den Islam und seinen Stifter genau so schroff ablehnt wie die fünf Bücher Moses. Der Islam ist ihm (Welt als Wille II, Kap. 48) „wie die neueste, so auch die schlechteste aller Religionen" und den Koran erklärt er (ebenda, Kap. 17) für ein „schlechtes Buch", von dem man sich nur wundern müsse, daß es ausreichte, „eine Weltreligion zu begründen und das metaphysische Bedürfnis zahlloser Millionen seit 1200 Jahren zu befriedigen". Er gesteht, er habe im Koran keinen einzigen wertvollen Gedanken entdecken können. Aus demselben Grunde sagt er auch dem Judentum den Kampf an. „Denn es ist eine Religion ohne alle metaphysische Tendenz." (Parerga I, § 13). Es wäre indes verfehlt, zu glauben, daß Schopenhauers scharfes Auge auch da am Judentum vorübergegangen wäre, wo seine Lehre in der Tat einen tiefen metaphysischen Einschlag zeigt. Schon 1818 findet der junge Schopenhauer (Welt als Wille I, § 27) den Ursprung der Kabbala in der dunklen Erkenntnis, daß in Raum und Zeit, diesem eigentlichen Grundgerüft der erscheinenden Welt, „der Grundtypus, die Andeutung, Anlage alles dessen, was die Formen füllt, aufzufinden und nachzuweisen sei." Die Kabbala, die schönste Blüte der jüdischen Mystik, war aber auch nach einer anderen Seite für Schopenhauer ein Gegenstand der Bewunderung. Er sah schon als Jüngling die Welt mit anderen Augen als der gläubige Jude, der sein Schicksal, und sei es auch noch so schwer, vertrauensvoll in die Hände Gottes legt. Aus allen Fugen der Welt grinste ihm ihr Elend und ihre Gebrechlichkeit entgegen. Unter einer scheinbar glänzenden Oberfläche -erblickte er einen schauerlichen Grund. Schon 1807 dichtete der 19jährige in Hamburg, woselbst ihn nach dem frühen und geheimnisvollen Tod seines Vaters, die Mutter — unverftändlicherweise — allein zurückgelassen hatte, ganz an seinen großen Geistesverwandten Leopardi erinnernd: Was wäre wünschenswerter wohl Als ganz zu siegen Uber das leere und so arme Leben, Was keinen Wunsch uns je erfüllen kann, Ob Sehnsucht gleich uns auch das Herz zersprengt. Schopenhauer hätte diese Verse ebenso mit 70 Jahren schreiben können. Er hat nicht, wie Nietzsche, später verbrannt, was