Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 3 (14.4.1925)
- Article
- Bericht über die Verhandlungen der Tagung
- Date
- 1925-04-14
- Page
- Seite 39 (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 39 bei denen das Ergebnis noch nicht feststeht, will ich hierbei nicht erwähnen. Glücklicherweise können diese wenigen abseits stehenden Gemeinden das Gesamtbild nicht verändern. Der Verband stellt heute in dem Leben unserer religiösen Gemeinschaft einen Faktor dar, der nicht mehr hinweggedacht werden kann. Einmal vom Standpunkt des Staates, der seinen Bestand als eine Notwendigkeit betrachtet. Unwillig äußerte vor kurzem der Referent des Kultusministeriums: „Was soll ich denn mit den dreihundert Gemeinden ansangen?". Ein anderer Herr des Ministeriums meinte: „Für Sie wäre es jetzt Zeit, eine Kirche zu schaffen". Ich konnte ihm sagen, daß unser Ehrgeiz nicht nach dieser Richtung ginge, daß wir vielmehr in dem freiwilligen Zusammenschluß der Gemeinden unter kluger Beschränkung der Selbstverwaltung und Schaffung einer wirksamen Zentrale als der Trägerin des Vertrauens der Gemeinden die sicherste Grundlage für unsere religiöse Gemeinschaft fänden. Vor allem wertvoll aber ist uns das Bekenntnis der maßgebenden Männer aus unseren eigenen Reihen. Mit dem Ausdruck des herzlichsten Dankes und mit der größten inneren Anteilnahme möchte ich hier der Ausführungen eines Mannes gedenken, der der Gründung des Verbandes, um mit den Worten des Ministers von Crailsheim zu reden, gesundes Mißtrauen entgegengebracht hat, unseres ehrwürdigen Herrn Rabbiner Dr. Stein. Er schreibt in einem dem Verband gewidmeten Artikel unserer neugegründeten Zeitung: „Wenn wir noch von einer anderen Schwierigkeit sprechen sollen, die bei der Verbandsgründung als bedrohliches Hindernis obwaltete, so war es die Befürchtung, daß religiöse Differenzen im Verband zum Austrag kommen könnten und daß eine Minderheit, in diesem Falle die konservative, beeinträchtigt oder gar majorisiert werden könnte. Die bisherige Geschichte des Verbandes hat bewiesen, daß die Befürchtung unbegründet war. — Der Bund gesetzestreuer Gemeinden Bayerns, der als Zwecke verband zur Vertretung und zum Schutz der konservativen Interessen innerhalb des Verbandes gegründet wurde, kann mit Dank und Genugtuung feststellen, daß er bei allen seinen Anregungen und Forderungen bei der Verbandsleitung nicht nur Verständnis, sondern auch wirksame Förderung gefunden hat, daß demgemäß der Geist uneingeschränkten, aufrichtigen Vertrauens sich als Band um t>ie beiden Vereinigungen geschlungen hat, das eine fruchtbringende Arbeit aller zum Wohle des Ganzen ohne Beeinträchtigung irgendwelcher religiöser Anschauungen oder Interessen ermöglicht." Mögen unserer Zeitung auch weiterhin solche Zeugnisse für die Wirksamkeit des Verbandes befchieden sein! Die Zeitung, meine verehrten Damen und Herren, bitten wir fleißig zu benützen. Sie ist für die sämtlichen Gemeinden des Landes geschaffen, Sie können sie durch Beiblätter für Ihre eigenen Angelegenheiten verwenden und beliebig viele Stücke für Ihren Gebrauch bestellen. Auch von hier aus möchte ich, wie dies schon in der Presse geschehen ist, den neugegründeten preußischen Landesverband mit herzlichen Glückwünschen begrüßen. Wir freuen uns, daß die Kultusgemeinden in dem größten deutschen Lande nunmehr organisiert sind. Mit den führenden Männern verbinden uns freundliche Beziehungen und gerne werden wir an der Erfüllung gemeinsamer Aufgaben im Reiche Mitarbeiten. Eine Herzenspflicht aber ist es mir, an dieser Stelle wärmsten Dank zu sagen den treuen und nie versagenden Helfern bei der Arbeit der Verbandsleitung, vor allem Herrn Dr. Elias Straus, dem allverehrten Präsidenten dieser Tagung, Herrn ObstLGR. Pros. Dr. Silberschmidt, den Herren Rabbiner Dr. Vaerwald, Oberlehrer Dingfelder, Kollegen Flaschner und nicht zuletzt unserer unermüdlichen Kanzlei. Meine Damen und Herren! Gar stattlich ist die Tagesordnung, die wir in den wenigen Tagen zu bewältigen haben und es wird nur gelingen, wenn wir uns in Referat und Aussprache eine Beschränkung auferlegen. Zum erstenmal erscheint in der Geschichte des Verbandes eine Wohlfahrtstagung. Sie zeigt, daß wir die Grundpfeiler in Organisation und Finanzen gelegt, den äußeren Bau errichtet und uns nun der inneren Ausgestaltung unseres Hauses zuwenden können. Mit Dank begrüßen wir das Erscheinen der Vertreter der Zentralwohlfahrtsstelle in Berlin, die uns mit ihrem Rat an die Hand gehen wollen. Am Anfang aber ist die Tat. So wollen wir nicht bei theoretischen Betrachtungen stehen bleiben und unsere soziale Tätigkeit eröffnen mit der Schaffung eines Werkes,, das den unglücklichsten unserer Mitmenschen zugute kommen soll, den Siechen und unheilbar Kranken, die in den anderen, aus die Lebensgemeinschaft aufgebauten Stätten nicht untergebracht werden können. Es werden Ihnen Pläne hiefür vorgelegt werden. Die Gemeinde München hat in einer eigens hierfür einberufenen Sitzung JC 20 000.— dem Verband zur Errichtung einer solchen Landesanstalt zur Verfügung gestellt. Eine große Reihe von Problemen soll ihrer Lösung entgegengeführt werden. Wir wollen die Ruhegehaltsbezüge und Hinter-- bliebenenversorgung derjenigen Beamten auf den Verband übernehmen, deren Anstellungsgemeinden der Auflösung entgegensehen. Wir wollen die Pensions- und Reliktenkasse Bayerischer Rabbiner auf den Verband übertragen, Bezirkswanderlehrer bestellen, die Kultgegenstände inventarisieren und kulturgeschichtlich wertvolle Kultstätten erhalten. Vor allem aber sind es 2 Materien, von denen jede fast eine Tagung ausfüllen könnte. Es ist dies zunächst die rechtliche Ausgestaltung der Distriktsgemeinden, verbunden mit der Gebietserweiterung der Kultusgemeinden. Nach dem trefflichen Werke von Heimberger über die staatskirchenrechtliche Stellung der Juden in Bayern ist die Verfassung der Rabbinatsdistrikte die schwierigste Frage, die seit fast 100 Jahren die jüdische Öffentlichkeit und die Behörden beschäftigte. Ich bitte meine Damen und Herren, daß Sie diese Frage im Einvernehmen mit der Rabbinerkonferenz nunmehr einer glücklichen und endgültigen Lösung entgegenführen. Die Vorbereitungen hierzu sind getroffen. Das andere gewaltige Stück Arbeit aber ist die Schaffung eines Beamtenrechtes, in dem unsere eigenen Erfahrungen und die Erfahrungen von Staat und bürgerlichen Gemeinden verwertet und damit eine Rechtsordnung geschaffen werden soll, die wohl zum erstenmal in deutschen Landen in systematischer Weise das Ziel verfolgt, die Rechte der Gemeinden, Rabbiner und Beamten zum Wohle der Gemeinschaft auszugleichen, hierbei die religiösen Belange in besonderem Maße sorgfältig zu behandeln und die Einrichtungen des Verbandes als der unbeteiligten vermittelnden Stelle zu verwerten. Mit diesem System wäre auch einer der wesentlichsten Teile des von vielen Seiten verlangten Normalstatuts für die Gemeinden geschaffen. Die übrigen Teile des Normalstatuts und die Beratung der endgültigen Verfassung des Verbandes sollen nach der Beschlußfassung des Rates einer gesonderten Tagung Vorbehalten bleiben. Meine verehrten Damen und Herren, wenn Sie die Vorlagen betrachten, die zum wesentlichen Teil in der Verbandszeitung äbgedruckt sind, dann stürmt eine Fülle von Paragraphen auf Sie ein. Das darf Sie aber nicht bange machen. Sie wissen, daß wir nicht an den Paragraphen kleben. Maßgebend ist der Wille, der hinter Ihnen steht, die Richtung zum Guten, die wir unseren Handlungen geben wollen. Einer der führenden Männer unserer religiösen Gemeinschaft in deutschen Landen hat in dem Aussatz an der Spitze der 2. Nummer unserer Verbandszeitung das Wort geprägt: „Der Sinn der Geschichte ist, daß das Gute mehr und mehr sein Dasein besitze. Nur in ihm hat sie ihr Bestehendes und Dauerndes: nur das lebt weiter, was durch sittliche Tat leben will." Und so wollen wir in unserem gemeindepolitischen Handeln gemeinschaftlich die Richtung zum Guten verfolgen, unbeschadet der Grundsätze der Einzelnen und der Parteien. Und wir werden uns in diesem Bestreben treffen, denn wie der große Kenner der menschlichen Seele, wie Goethe sagt: „Die Menschen treffen vielmehr zusammen in dem, was sie tun, als in dem, was sie denken." Bei der Schaffung des preußischen Landesverbandes ist wiederholt gesprochen worden von der Schaffung eines jüdischen Parlaments. Mir kann das Wort nicht gefallen, mir will es schon nicht gefallen für die Vertretung der Staatsbürger in Reich und Land. Das Parlament hat vielleicht seinen geschichtlichen Höhepunkt überschritten. Es stellt kalt und unnahbar in den Mittelpunkt die grundsätzliche gedankenmäßige Einstellung der Parteien, die eine Verbindung nicht zuläßt und unfruchtbar das Handeln, die schöpferische Gestaltung behindert. Ganz und gar aber will das System nicht passen für die Gemeinde und zumal nicht für die religiöse Gemeinschaft. Hier ist ein anderer gestaltender Begriff in der modernen politischen Technik entstanden, es ist der Begriff der Fürsorge. Er ist entlehnt dem Leben der Urzelle der mensch-, lichen Gemeinschaft, ihrer natürlichsten Form, dem Leben der Familie. Auch in ihr herrschen gewaltige Gegensätze, die ihren Ausgleich fordern. Es find die von der Natur gegebenen Gegensätze: Alt und jung, Mann und Frau, Haupt und Glieder. Das Prinzip aber, das die Familie beherrscht, ist nicht der Ausgleich gedank-, licher Gegensätze, abstrakter Formen, sondern die schöpferische Ge-