Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 3 (14.4.1925)
- Article
- Bericht über die Verhandlungen der Tagung
- Date
- 1925-04-14
- Page
- Seite 40 (sequence 7)
- Language
- German
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40 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 staltung, -die tätige wechselseitige Fürsorge zum Wohl des Ganzen. In diesem Sinne möchte ich, dah sich die Tätigkeit der Gemeinden und des Verbandes entwickle in Auswirkung des alten jüdischen Spruches: „Einer für alle, alle für einen". Das walte Gott! Oberftlandesgerichtsrat Prof. Dr. Silberfchmidt: Eine schwere Dankeslast hat sich heute auf dem Verband angesammelt. Ihnen allen sind wir zu lebhaftem Danke verpflichtet, die Sie an unseren Bestrebungen teilnehmen. Ich möchte auch noch dem Herrn Präsidenten des Landesfinanzamts Würzburg den Dank für feine freundliche Begrüßung anfügen. Aber eine schwerere Last, als wir sie gegenüber unserem verehrten Präsidenten haben, die haben wir niemand sonst gegenüber. Er ist es, der mit unermüdlicher Tatkraft an der Spitze des Verbandes steht, der all das verbindet mit den Pflichten eines schweren Amtes, der uns das Leben vorlebt, wie es der verehrte Herr Rabbiner von Würzburg, Herr Dr. Hgnooer, geschildert hat, ein Leben von Arbeitsamkeit und ein schlichtes einfaches Dasein. Ihm danken wir für alles das, was er dem Verband geleistet. Wir wollen auch nicht vergessen, was die Rabbinate und die Lehrerschaft und alle Kräfte, die mit uns arbeiten, geleistet haben, aber feine Tätigkeit ist die bestimmende, die uns mit fortreißt in allen Dingen. Und nun, meine Damen und Herren, schließe ich den Abschnitt von heute und Morgen. Ich schließe mit dem Wunsche: Möge das viele Gute, was wir gehört haben, zur Tat werden und zum Segen gereichen den israelitischen Gemeinden unseres engeren Vaterlandes, diesem ganzen Vaterlandes Bayern selbst und dem ganzen deutschen Reich! Fortsetzung folgt in der nächsten Nummer. Zur Eröffnung der Universität in Jerusalem. Am 1. 4. fand in Jerusalem die Eröffnung der dortigen Universität unter Anteilnahme fast der gesamten politischen und wisienschaftlichen Welt statt. Kein Jude kann an diesem hochbedeutsamen Ereignis gleichgültig vorübergehen, das gleichermaßen für das Fortschreiten des Aufbauwerkes wie für das 'Wiedererwachen der hebräischen Sprache beredtes Zeugnis ablegt. In allen Kreisen des Judentums wird es mit Freude und Stolz begrüßt werden, daß an der Stätte, von der nach dem Prophetenwort die „Lehre" ausgeht, nun auch die Wissenschaft eine Pflanzstätte besitzt, an der sie sich in freier Forschung zum Heile der Menschheit entfalten kann. Jüdische Gelehrte werden hier in friedlichem Wettbewerb mit den Männern der Wissenschaft aller Länder von der ungebrochenen Lebenskraft unserer Gesamtheit Kunde geben. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München hat der neugegründeten Universität die Wünsche der Gemeinde zugehen lassen und als Festgabe eine photographische Wiedergabe der berühmten in der Münchener Staatsbibliothek befindlichen Handschrift des babylonischen Talmuds in zwei Prachtbänden gewidmet. -ld. Nas Sagen der pessach-kaggadah. Der jüdisch-liturgische Gesang, sowohl der synagogale wie der häusliche, setzt sich zusammen aus Singen und Sagen. Während aber das Singen die vielen metrisch und rhythmisch gegliederten, melodisch geschlossenen Weisen umfaßt, die verhältnismäßig jüngeren Dalums sind, treten uns im Sagen, im Rezitations- oder Sprechgesange, uralte typische Motive entgegen, von einer unverwüstlichen Triebkraft, die erhaben zu sein scheint über Raum und Zeit. Diesen beiden Hauptgruppen begegnen wir auch beim Absingen der Haggadah im häuslichen Kreise. Die Lieder mit geschlossener Melodie, wie Ki 1° noeh, addir hu, echod mi jodea und ehad gadjo sollen Heute nicht den Gegenstand unserer Untersuchung bilden, wohl aber die Art und Weise, in der der weitaus größte Teil der Haggadah rezitiert wird. Eine Analyse dieses Sprechgesanges ergibt zunächst seinen syllabischen Charakter, d. h. jede Silbe hat zumeist nur einen Ton. Aber gewisse Töne, wie vorzugsweise der Grundton und die Quinte, mitunter auch die kleine Septime, erhalten häufig mehrere aufeinanderfolgende Silben, deren natürlicher Rhythmus durch Hervorhebung der akzenttragenden Silben jeweils geschaffen wird. Neben dieser Häufung von Silben auf einem Ton gewahren wir einige, immer wiederkehrende ausdrucksvolle Motive, die in ihrer verschiedenartigen Verknüpfung das Material, gewissermaßen daö Gerüst bilden für die fortlaufende, sich gleich oder ähnlich bleibende Rezitation einer vorwiegend dreiteiligen Satzbildung. Schon das erste Motiv zeigt uns keinen gradlinigen, sondern einen sprunghaften Charakter, indem von dem Grundton über die große Terz die -Quinte ergriffen wird, von der aus durch einen Quartensprung der Abstieg zum Halbschluß erfolgt. Als textliches Beispiel für die Verarbeitung dieses Motivs und zweier anderer Motive wähle ich den ersten Teil des Mäh nischtannoh, weil dieser Text jung und alt am geläufigsten ist. Mah nischtan-noh hal-laj-loh has'-seh mik -kol hal-le-Ioß Diesem Anfangsmotiv schließt 'sich ein zweites an, das zunächst einen Quartensprung aufwärts von der Quinte zur Oktave o macht, um dann über die kleine Septe b> in Sekundschritten bis zur Dominante abwärts zu gehen. Diese schebcholhal-le - loß o - nu och - lin chomez u-maz - zoh kleine Sept weift unbedingt auf die mixolydische Tonart hin mit ihrem Halbton von der dritten zur vierten und von der sechsten zur siebenten Stufe, eine Tonart, die insbesondere außerordentlich oft im süddeutschen Synagogengesange Verwendung findet. Das dritte Motiv endlich mit seiner kräftigen Schlußwirkung hal - laj - loh has - seh kul - lo mazzoh setzt ein mit der Unterdominante, um dann mit Benützung des Halbschlusses aus dem ersten Motiv den Ganzschluß auf der Tonika als Finalis herbeizuführen. Dieses Schlußmotiv ist einer der am häufigsten vorkommenden Tongänge ebenso in der Rezitation der Haggadah wie in dem gesamten süddeutschen Chasonus, einschließlich eines Teiles der Thoravorlesung, was an anderer Stelle nachgewiesen werden soll. In ihm dürfen wir schon deshalb einen allehrwürdigen UrtypuS erblicken, weil er eine Pentatonik, die halbtonlose Skala tonlich verkörpert. Noch deutlicher tritt diese Pentatonik, die Vorläu-