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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-04-14 · 3 (14.4.1925) · p. Seite 36

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
3 (14.4.1925)
Article
Bericht über die Verhandlungen der Tagung
Date
1925-04-14
Page
Seite 36 (sequence 3)
Language
German
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Bayerische Israelitische Gememdezeitung Nr. 3 die Jahrhunderte den Namen derer, welche die Sorgen der Gesamtheit in ihrem Herzen trugen und demgegenüber ihr eigenes Wohl zurückstellten. Ein besonderer Segen des sabbatlichen Gebets gilt denen, die sich den Sorgen der Gesamtheit in ganzer Treue widmen. Daß dieses von Opferbereitschaft getragene Gemeinschaftsgefühl in unserer Mitte so stark geworden ist, und jedes einzelne Glied, soferne es nicht im Absterben begriffen ist, an die Gemeinschaft kettet, ist sicherlich zu einem Teile die Auswirkung unserer Leidensgeschichte; zum anderen und größeren Teile aber doch Ergebnis der Tatsache, daß es in dieser Gemeinschaft Vorrechte des Ranges, der Stände und Klassen nicht gab. Soziale Pflichten wurden ja so tief ersaßt, daß nach jüdischer Anschauung eher der Wohltäter dem Armen zu danken hatte als umgekehrt, weil der erstere eigentlich dessen froh sein mußte, eine Mizwoh, ein Gottesgebot an diesem Armen erfüllen zu dürfen. In einer Gemeinschaft, der die Lehre über alles ging, gab es nur einen bevorzugten Stand, dessen Vorzug allerdings nicht in ererbtem Gute lag, sondern in seiner Lebensarbeit; der Gelehrte, der sogar dem ungebildeten Hohepriester gegenüber den Vorrang einnahm. Und mit diesem Begriff des religiösen, auf dieser Sittlichkeit erwachsenen Wissens ist die Autorität geschaffen, der sich alles unterwirft und unterwerfen muß. Gegenüber dem Recht des Individuums wird mit der Lehre und ihrem Träger die in jeder Gemeinschaft nötige Bindung ausgestellt. Vielleicht gibt es kaum eine zweite Gemeinschaft, der die Autorität soviel bedeutete wie uns Juden, und immer klingt in uns nach die Erinnerung an jene Bibelstelle, die als Zeichen der schwersten Periode israelitischen Geschehens darstellt, daß jeder tat, was in seinen Augen recht war. So wird denn auch die aus der Gleichheit aller entstehende Übertreibung des Individualismus gebunden, von der Gemütsseite her im Gesamtheitsgefühl, von seiten des Verstandes durch die Autorität der Lehre und des Lehrers. Indes kann auch diese Autorität des Lehrers jederzeit nachgeprüft werden und zur vollen Herrschaft gelangt die Autorität der Lehre erst dort, wo das Irrationale beginnt. Wer die Verheerungen geschichtlich erfaßt, welche die griechische Sophistik mit ihrer Übertreibung des Individualismus und ihrer Verneinung des Staates angerichtet hat, wer mit uns der Ansicht ist, daß hierin einer der wesentlichsten Gründe des Untergangs der alten Welt liegt und wer dann weiterhin mannigfache revolutionäre Erschütterungen der neuen Zeit aus der gleichen Quelle entströmen sieht, Erschütterungen, die unsägliches Unglück über die Menschheit gebracht haben zu einem Ziele, das aus dem Wege der Evolution vielleicht besser erreicht worden wäre, der wird begreifen, welche Bedeutung für uns die Gedankenwelt des Judentums gewinnt. So schließt sich denn der Ring: freie Individuen in freiem, opferwilligem Zusammenschluß, in Freiheit sich unterwerfend der Autorität des Wissens und der Lehre, die nur ßie Forderungen und Förderung wahrer Sittlichkeit und Religion im Auge haben darf. Auf solchem Wege sucht das Judentum dem Kreise seiner Ideale gerecht zu werden und ein Teilchen dieses Gesamtgebietes sehen wir in dem Zusammenschluß verwirklicht, dessen Tagung wir heute begrüßen. Gesamtheitsarbeit und Opferbereitschaft, Gleichheit der Menschen und doch sie alle geführt von einer wahren Autorität, mit solchen Gedanken und dem Streben nach ihnen leisten wir gedeihliche Arbeit für unser Ewigkeitswerk. Auch an der Judenheit ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Tiefer find die Furchen, welche die Schwere der vergangenen Jahre gezogen hat, als so mancher von uns oder gar der Außenstehende wähnt. Hat auch ein Teil der Judenheit die Stürme in gleichem Maße verhältnismäßig gut wie der gleiche Wirtschaftskreis überstanden, so erheischen doch breite Kreise der bisherigen Oberschicht, der verarmte Mittelstand, soweit er nicht mehr im Berufsleben steht, ein großer Teil der Angehörigen freier Berufe-und nicht zuletzt der überwiegende Teil der Landbevölkerung unsere materielle und geistige Hilfe, damit sie sich erhallen und nicht durch weitere Proletarisierung radikalen Ansichten anheimfallen, die unserer jüdischen Einstellung nicht entsprechen. Es ist ein gewaltiger Aufgabenkreis, der vor uns allen liegt, neues geistiges Leben zu schaffen, damit sein Licht hinausstrahle in die letzte, verlassenste Dorshütte, erhalte und pflege, was am Geiste des jüdischen Ideals der Opferbereitschaft und Hingabe für Religion und schlichte wahre Sittlichkeit vorhan- Zugleich schließen wir uns dann mit unserem Gedankenkreis ein in die Arbeit aller derer, denen die Sorge um unser Heimatland, die Not seiner polr-ischen Ohnmacht und die Zerrissenheit und Oberflächlichkeit seines inneren Lebens den Frieden ihrer Tage und die Ruhe ihrer Nächte raubt. Gesamtheitsgefühl pflegen und betätigen, vereinen nicht zerreißen, heilen und nicht immer von neuem verwunden, der Gesamtheit die Opfer bringen, die sie von uns verlangt, oder die wir vielmehr von uns selber verlangen, weil wir ein Teil dieses Ganzen find und es lieben, mit der Glut unserer Seele, ob man uns auch so häufig kalt und ablehnend gegenübersteht, mithelsen bei der Überbrückung der Gegensätze zwischen Klassen und Ständen, die unser geplagtes Land immer weiter zu zerreißen drohen, Mitarbeiten an der Aufrichtung der Autorität unseres Staates, ohne die eine gesunde Gemeinschaft nicht bestehen kann, diese aus dem Wesen des Judentums erwachsenen Gedankengänge dürften auch in der Gegenwart gerade keinen wertlosen Faktor darstellen: und wir möchten glauben, daß keiner, der ernstlich für den Aufbau des Staates arbeiten will, kurzerhand solche Mitarbeit abweisen sollte, wofern er nicht von der Phrase des Tages beherrscht wird. Schwer ist die Zeit, und verwundet und in unserem seelischen Empfinden gebeugt sind wir alle. Es gibt nur einen Weg der Rettung: ein arbeitsames und schlichtes Leben, erfüllt vom Segen des Schaffens, geweiht und vertieft von der Begeisterung und dem Wirken für unser altes Ideal. Das sei unser aller Ziel und mit der Aufstellung dieses Zieles erfüllt sich an uns das geheimnisvolle Wunder des Ideals. Schon der Weg zu ihm ist reich an Segen und tiefer Befriedigung. Möge die nunmehr beginnende Tagung unter dem Zeichen solchen Segens stehen; seien wir uns bewußt der Verantwortung, die jede Generation zu tragen hat all denen gegenüber, die das Judentum durch die Geschichte führten, der Verantwortung, die aus uns liegt für die kommenden Geschlechter. Gottes reichster Segen begleite das Werk dieser Tagung zum Wähle des Judentums wie unseres Vaterlandes! Es folgt der Bericht des Verbandspräsidenten Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer: Meine Damen und Herren! Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Am 30. und 31. Oktober 1922 hat der Verband in einer der ehrwürdigsten Stätten deutscher bürgerlicher Kunst getagt, im alten Rathaussaale in München. Nun sind wir in die rebenumkränzte Stadt des sonnigen Maingaus gekommen, eine Stätte alter deutscher und alter jüdischer Kultur. Und es muß eine gar schöne und behagliche Stadt sein, denn selten habe ich noch eine solche Anhänglichkeit an seine Vaterstadt gesunden wie bei dem Bürger von Würzburg. Damals in der Landeshauptstadt haben Sie eine Resolution gefaßt, die in ihrem tiefen Ernst mächtig ins Land hinausgedrungen ist und in ihrem Eingang lautet: „Die jüdische Bevölkerung in Bayern, vertreten durch den Verband, bekennt in den Tagen der Not ihren unauflöslichen Zusammenhang mit dem deutschen Vaterlande und der bayerischen Heimat." Sie haben Einspruch erhoben gegen die den Keim des Haffes und der Zwietracht legende Bewegung unserer Tage, wo Aufbau und Zusammenhalt so bitter nottun. Und Sie haben geschlossen mit dem Bekenntnis: „Das Wohlergehen des Vaterlandes ist unser Schicksal". Das Wort ist zur Wahrheit geworden, zunächst in seiner negativen Seite. Die wirtschaftliche Not des Landes wurde ungeheuer. Die Vermögen schwollen zu unglaublichen Ziffern an und verflüchtigten sich in nichts. Je solider die Werte begründet waren nach althergebrachter Anschauung, desto mehr waren sie dem Verfall preisgegeben. In diese Zeit des Niederganges und der Zerstörung, die unseren Kultus und seine Einrichtungen in den Grundlagen erschütterte, war unser junger Verband hineingestellt, eben erst gegründet ohne geschichtliche Anknüpfung, ohne Erfahrung, ohne irgendwie erhebliche Mittel. Zahlreiche Kleingemeinden und nicht wenig Mittelgemeinden schauten aus ihn als ihre letzte Rettung und eine Reihe altoerdienter Männer aus dem Lehrstande waren mit ihren Angehörigen dem Hunger preisgegeben, wenn der Verband nicht eingriff. Die Steuern waren, wenn Sie eingingen, ohne jeden Wert, der Staatszuschuß von 3 Millionen Mark war in nichts zerronnen, als er zur Auszahlung gelangte. Von außen aber drohte Gefahr. Zweimal stand uns im Herbst 1923 ein schweres Verhängnis unmittelbar bevor. Einmal Ende September als der Generalstaatskommissär sein Amt antrat und die 12 Versammlungen in München verbot und dann am 8. Nov., als der große Putsch mißlang. Wie das gekommen, wollen und können wir nicht untersuchen; aber daß es gekommen ist, erfüllt uns mit heißem, ehrfürchtigem Dank.

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