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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-04-14 · 3 (14.4.1925) · p. Seite 35

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
3 (14.4.1925)
Article
Bericht über die Verhandlungen der Tagung
Date
1925-04-14
Page
Seite 35 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 35 auch der Plan zur Erbauung einer neuen Hauptsynagoge schon festen Boden gewonnen. Es ist also nicht Übertreibung und Überhebung, wenn ich von Würzburg als einer Stätte jüdischer Kultur gesprochen habe. So wünsche ich nun, daß der künftige Chronist, wenn er von den Beschlüssen der dritten Tagung des V.B.J.G. in Würzburg berichtet, der Nachwelt möge verkünden können, daß auch sie im Geist jüdischer Kultur zur Entwicklung jüdischen Lebens und Strebens beigetragen hat. Dies ist jedoch nur möglich, wenn alle Teilnehmer sich dem Ideal wahrer Menschenliebe und dem Bestreben das bayerische Judentum in unserem Vaterlande zu fördern, in unwandelbarer Treue anschließen, um ihm Achtung und Ansehen zu verschaffen. Mit dem nochmaligen Wunsche, daß Ihre Verhandlungen zu Beschlüssen führen mögen, die die Lebens- und Leistungsfähigkeit des Verbandes im besten Lichte erscheinen lassen, heiße ich Sie nochmals herzlichst willkommen. Oberregierungsrat Dr. Hofmann: Der V.B.J.G. hat auch das Staatsministerium für Unterricht und Kultus sowie das Präsidium der Kreisregierung von Unterfranken und Aschaffenburg eingeladen. Der Herr Staatsminister hat mich beauftragt. Innen seine herzlichsten Grüße zu übermitteln, er versichert den Verband seiner wärmsten Sympathie und Unterstützung und wünscht der Tagung besten Verlaus. Diesen Grüßen, Gefühlen und Wünschen schließt sich der von mir ebenfalls vertretene z. Z. beurlaubte Regierungspräsident Dr. v. Henle an. Die Probleme und Fragen, die heute die Religionsgesellschaften beschäftigen, sind so zahlreich und wichtig und vielgestaltig, daß eigene Tagungen nötig werden; Sie brauchen ja nur Ihre Tagesordnung anzusehen. Da sind es soziale und wirtschaftliche Fragen, Fragen der Organisation, der Wohlfahrtspflege und der fürsorgenden Liebe und andere wichtige Gegenstände, die Ihrer Beratung unterstehen. Die Religionsgesellschaften sind ja jetzt nach der Verfassung in der Verwaltung und Ordnung ihrer Angelegenheiten frei, nur durch die Schranken der für alle Gesellschaften und Bürger geltenden Gesetze gebunden. Umso wichtiger ist die Bedeutung, die Ihren Beratungen und Beschlüssen für die beteiligten Gemeinden zukommt, umso größer aber auch die Verantwortung der Teilnehmer, insbesondere der Gemeindedelegierten. Ich kann nur wünschen, daß Ihre Verhandlungen vom Geiste der Eintracht und Liebe getragen werden, dann wird ihnen reicher, ersprießlicher Erfolg beschieden sein. Oberbürgermeister Dr. L ö f f l e r - W ü r z b u r g : Ich spreche zunächst meinen herzlichsten Dank dafür aus, daß das hohe Präsidium es für richtig befunden hat, auch die Stadt Würzburg zur heutigen Versammlung einzuladen. Ich bin der Einladung gerne gefolgt; denn ich verehre in meinen jüdischen Mitbürgern außerordentlich wackere, brave und tüchtige Männer, auf deren Tätigkeit im bürgerlichen und wirtschaftlichen Leben ein nicht geringer Teil des Gedeihens unserer Stadt sich aufbaut. Ich verehre aber auch in unseren jüdischen Mitbürgern eine Pflanzstätte des Bürgersinns, dem es jederzeit gelungen ist wackere und tüchtige Männer, stark im Rat, in unsere Gemeindeversammlungen abzuordnen, die dort das Wohl der Gemeinde sich angelegen sein ließen, wie wenn es ihre eigene Sache wäre. Ich möchte allen diesen danken und namens der Stadt Würzburg unsere Sympathien mit Ihrer Tagung aussprechen. Ich hätte herzlich gewünscht, daß Würzburg seinem Ruf als Stadt des Frühlings heute Recht gegeben hätte, aber leider hat der Winter ein neckisches Spiel getrieben und wo Amselschlag sein sollte, da machen unsere alten Stadtstraßen einen nicht eben angenehmen Eindruck. Sehen Sie über all das Äußere hinweg und glauben Sie mir, daß Sie uns aufs herzlichste und wärmste in Würzburg willkommen sind. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der Herr Vertreter der Israelitischen Kulusgemeinde Würzburg, Herr IR. Dr. Haas, hat außerordentlich viel Gutes und Schönes Ihnen von Würzburg verkündet und ich habe mich dessen herzlich gefreut. Würzburg hat eine uralte Geschichte, man weiß gar nicht, wann es begonnen hat, auch die Würzburger Judenschaft hat eine uralte Geschichte, und wann sie begonnen hat, weiß man auch nicht. Aber sicher ist, daß die Judenschaft in Würzburg all das miterlebt hat, was Würzburg in langen Tagen erlebt hat: Rauschende Freude, jubelnde Feste, markerschütterndes Weh. Einen freundlichen Stern hat er genannt, den uns Würzburgern so lieben und werten und unvergeßlichen Minnesänger Süßkind Trimberg, der am Marktplatz in den alten Häusern, die heute noch stehen, den Beruf eines waltenden Arztes gefunden und dessen Andenken immer gesegnet sein wird. Meine Damen und Herren! Sie sind ja nicht nach Würzburg gekommen, um mit weichen Gefühlen sich hier an der Vergangenheit und Gegenwart Schönheit zu erbauen, sondern mit dem harten Willen zu arbeiten. Sie wollen arbeiten und bessern, verwaltend und waltend Hand an die Dinge, die Ihnen anvertraut sind, anlegen, da haben Sie auch von unserer Seite den Segen für Ihre Versammlungen und Ihre Arbeit. Ich möchte Ihnen sagen: Pflegen Sie in Ihren Kultusgemeinden den guten alten Geist, Ihren guten alten religiösen Geist, lassen Sie den Gott Ihrer Väter nicht! Ich möchte Ihnen sagen, wenn Sie sich abdrängen ließen von irgendwelchen Strömungen, die die alte Religiosität bekämpfen, die von Ihnen auf andere Kultusgemeinschaften übergegangen ist; ich fürchte, dann wäre ein sehr schweres Unglück eingetreten für unsere Judenschaft, dann wäre Jerusalem ein drittesmal und endgültig zerstört. Halten Sie fest am Gotte Ihrer Väter, dann sind Sie auch treue wackere Staatsbürger und Gemeindebürger. In Ihnen liegt etwas, was mich immer außerordentlich angezogen und emporgehoben hat: Die Liebe zur Keimzelle jeder Allgemeinheit und jeder bürgerlichen Zusammenfassung, daß Sie nämlich in so prachtvoller Weise Gottes Gebot beachten: Du sollst Vater und Mutter ehren. Dieser Gedanke der Familie, des Familienzusammenhanges wird es Ihnen leicht machen, Ihre Kultusgemeinden züsammenzuhalten und das Leben in der Gemeinschaft immer mehr zur sittlichen Stütze des ganzen Lebens der Judenschaft zu machen. Empfangen Sie zu diesem Zwecke und zu den anderen meine herzlichsten Wünsche. Mögen die israelitischen Kultusgemeinden eine Pflanzstätte sein echt wackeren Gemeinschaftsgeistes, sozialen Empfindens und sozialen Arbeitens und Wirkens. Der Tag, den Sie diesem Werk und dieser Arbeit gewidmet haben, möge ersprießlich sein und die Würzburger Beschlüsse mögen Richtlinien ergeben, ar; denen Sie dauernd festhalten können zum Segen für Sie selbst und für uns alle. Nun nimmt Distriktsrabbiner Dr. Hanover-Würzburg das Wort zu seinem einleitenden Vortrag: Was wir gestern in der Thora in unseren Synagogen lasen, die Geschicht des goldenen Kalbes, ist das uralte Symbol des ewigen Kampfes der beiden Weltanschauungen des Materialismus und Idealismus, deren äußere, ich möchte sagen vulgäre Erscheinungsform sich darin zeigt, daß die eine in den Vordergrund ihres Denkens und Handelns äußeren Besitz und Macht stellt, während die andere sich tragen läßt von dem Urbegriffe der sittlichen Idee. Es ringen und kämpfen diese Weltanschauungen nicht im Einzelleben der Individuen allein, sie kehren wieder im Kreise des Weltengeschehens und nur unter diesem Gesichtspunkte gewinnen alle Einzelheiten des schweren Erlebens unserer Zeit für uns als Gesamtbild tiefen Sinn und gehaltvolle Bedeutung. Der Ausbau unserer Heimat kann nur geschehen auf dem Boden starker ethischer Ideale; so auch der Neuaufbau der jüdischen Gemeinschaft unseres engeren Kreises, die trotz aller entgegenstehenden äußeren Erscheinungen mindestens so stark und schwer getroffen worden ist wie unsere ganze Umgebung. Deswegen dürfen wir die heutige Tagung begrüßen als ein Zeichen des jüdischen Idealismus, der breite Kreise zusammengeführt hat in dem Gedanken der Neubelebung des jüdischen Ideals. Solch Gesamtheitsgefühl war immer eine der wesentlichsten Kräfte im Judentum, wie das Wort es bekundet: „ganz Israel ist für einander Bürge"; nicht etwa nur indem Sinne einer äußeren Hilfsbereitschaft, vielmehr im Sinne des gegenseitigen Verantwortlichkeitsgefühls in sittlicher und religiöser Hinsicht. Es ist das jener Gedanke, der in den bezeichnenden Worten von Kiddusch und Chillul Haschem zum Ausdruck kommt und besagen will, daß die schlechte Tat des einzelnen Juden eine Ent-, weihung des göttlichen Namens, eine Belastung der jüdischen Gesamtheit darstellt, während sein edler Sinn, seine gute Tat dem jüdischen Ideale zur Anerkennung verhilst. Solch Gemeinschaftssinn, solche Gemeinschaftsarbeit ist allerdings nicht möglich ohne Opfer, Opfer und Hingabe materieller Güter wie der eigenen Person. Das Judentum hat vielleicht einen Teil seiner sittlichen Erfolge den Umständen zu verdanken, daß seine Forderungen, die es an den einzelnen stellt, immer sehr große sind. Ich meine damit nicht allein seine Selbsthingabe in den Zeiten schwerer Verfolgungen, vielmehr, was vielleicht mehr bedeutet, die Opferbereitschaft seines ganzen Lebens. Die eigenartige pädagogische Methode, nach der in vergangenen Zeiten mit unseren Kindern zuerst die Abschnitte aus der Opfergesetzgebung des dritten Buches Moses gelernt wurden, scheint mir förmlich symbolischen Charakter zu gewinnen. Darum trägt die Judenheit neben dem Namen ihrer großen Gelehrten dankbar durch

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