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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-02-27 · 1 (27.2.1925) · p. Seite 6

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
1 (27.2.1925)
Article
Gefallenengedenkfeier
Date
1925-02-27
Page
Seite 6 (sequence 4)
Language
German
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6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 Kunde geben, auch wenn wir, die wir sie gekannt und geliebt haben, selbst schon unter den Schollen dieses Friedhofs ruhen. Und darum nochmals „was soll dies Mal sein?" Ein Denkmal. Denen, die gefallen sind für des Vaterlandes Schutz, für die Verteidigung von Heim und Herd. Ein solches Denkmal ist aber auch zugleich ein Mal der M a h - nung. Wer sind denn die Gefallenen? Gilt nicht von ihnen die Trauerklage des königlichen Sängers, die er um seinen König^ und seinen Freund anstimmt: „wie sind die Helden gefallen!" Helden waren es. Das macht die Erinnerung an sie zur Mahnung. Helden-, tum verpflichtet. Der Held verpflichtet die anderen Menschen, ihm nachzustreben — und wann stünde uns reineres Heldentum gegenüber, mahnend und beschwörend, als hier. Wann lernten wir das Heldentum tiefer erfassen, als indem wir daran denken, wie sie kämpften und starben. Nicht im Sterben allein liegt schon Heldentum. Kein Held, sondern ein Tor wäre, wer nur, weil er die Furcht nicht kennt, sein Leben leichtsinnig in die Schanze schlägt. Wir haben nur ein Leben und es ist uns gegeben, mit ihm eine Aufgabe zu erfüllen. Wenn aber das Leben einer Idee dient, wenn wir wissen, daß wir mit dem schwachen Einsatz unserer Existenz etwas sichern können, was mehr ist, denn das Individuum — wer dann gefaßten Herzens dem Tode entgegengeht, der vereint in sich die Forderungen, die das Idealbild des Mannes bei den verschiedenen Völkern an den Menschen stellt — er ist ein Weiser und ein Held zugleich. Er ist nicht nur der Held, der lachend und jugendfroh die Gefahr mißachtet, die ihm entgegensteht, er ist nicht nur der Weise, der mit überlegener Ruhe den Tod als etwas Unvermeidbares ansieht. Er ist als Held weise, als Weiser ein Held. Ein solches Mannesideal konnte nur im Schatten der Bibel entstehen, im Schoße der Religionen, die durch die Bibel gelernt haben, den Tod anzusehen nicht nur als des Lebens Abschluß, sondern als des Lebens Erfüllung. Die Bibel ist es, die uns gelehrt hat, neben dem Werden das Vergehen zu denken, nicht als eine Schicksalsnotwendigkeit, sondern als die gottgewollte Verknüpfung, die Leben und Tod in jene Beziehung zueinander fetzt, die, einmal verstanden, ihren Sinn niemals wieder verlieren kann. Das Leben so verstehen, heißt, an sein Ende denken. An sein Ende denken aber heißt, das Leben als eine Aufgabe betrachten. Es ist der Güter höchstens nicht; es dient dem, was höher steht als unser armseliges Dasein. Ist nicht das die magische Gewalt, die von dem Gedanken Vaterland ausstrahlt? Heimat ist eine Idee. Wenn man in einer Idee lebt, leidet man in ihr und für sie. Keine Idee kann ergriffen und begriffen werden, wenn nicht durch die Bereitschaft zu dulden und entsagen, auch das zu dulden, was wahrlich nicht des Leidens höchstes ist, den Tod. Und ob jene geduldet haben, gestorben sind um der Idee willen, ob unser ganzes Volk geduldet hat in den Jahren der Not, die ja noch nicht zu Ende sind, ob wir dulden für den Begriff Heimat und Vaterland, alles mahnt uns: unser Leben einzusetzen, wenn es gilt das höhere zu schützen. Daran mahnt uns der Stein. Aber indem er das uns sagt, tut er mehr, erhebt sich seine Bedeutung über Erinnerung und Mahnung. Sie wird zum Trost. Wer für eine große Sache dahingegangen ist, um den sollten wir nicht trauern, den sollten wir beneiden dafür, daß durch seinen Tod sein Leben den rechten Sinn bekommen hat, um den wir uns oft während unseres Lebens vergeblich mühen. Nie wird der Gedanke der Unsterblichkeit uns so licht und offenbar, als wenn wir an die denken, die jung dahingegangen sind; ihr Leben strebt ja weiter der Vollendung entgegen, zu der ein gütiger Gott den Keim in uns gesenkt hat und die er nicht mitten auf der Bahn auslöschen kann. Und hier verstehen wir so ganz, was der Geist unserer Gemeinschaft mit dem Satze gemeint: „Die Frommen und Gerechten werden erst im Tode wahrhaft Lebende genannt." Daher gewinnen die Worte, die wie auf jedem jüdischen Grabstein, so auch draußen stehen, ihre Bedeutung, ihre innere Gewißheit: „Ihre Seele sei eingebettet in den Bund des ewigen Lebens" (I Sam. 25, 29). Wenn diese Gewißheit uns erfüllt, daß wir einst Bürger einer anderen, einer vollkommeneren Welt fein werden, dann verliert der Gedanke an den Tod seine Gewalt, dann erwächst aus der Erkenntnis, daß unser Leben Stückwerk ist, nicht Schrecken, sondern Läuterung. Dann tönt aus der Sabbatstille der Ewigkeit in den Lärm des Tages hinein Friede, Trost, Versöhnung. Mag das der Steine letztes Wort, ihre höchste Bedeutung sein; sie sollen uns das innere Auge öffnen, daß wir dem Propheten gleich die toten Gebeine sich beleben sehen und die Gewißheit emp-. finden: „Deine Toten leben". (Jes. 26, 19). Sie leben im Gedächtnis der Ihren, sie leben in der Tat, die ihr Andenken befruchtet, sie leben im Schatten des Allmächtigen, im Sonnenglanz der Ewigkeit. Im Anschluß an die Gedenkrede des Rabbiners entbot sodann der erste Vorstand der Gemeinde, Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, den Dank den Ehrengästen, die zur Enthüllungsfeier gekommen waren, den Künstlern, die das Werk geschaffen, den opferwilligen Frauen und Männern, die seine Errichtung ermöglicht hatten. In eindrucksvollster Weise steigerte der Redner seine Ausführungen, wie folgt: Und in diesen Dank klingt schon jene Schwingung der Seele, der an dem Orte hier die eigentliche Stätte bereitet ist, jene Kraft, die mit dem Naturgeschehen Wesen und Bestimmung des Menschen ausmacht. Der königliche Sänger kündet, daß stark wie der Tod ist die Liebe, der göttliche Funke, die schöpferische Leidenschaft, welche die Welt wieder aufbauen wird, die Liebe, von der der Dichter singt, daß sie die Sonne bewegt und die anderen Sterne. Und wenn wir nach einem Gegenstände suchen, besonders köstlich und wert, daß jene Macht ihn erfasse, so zeigt sich uns neben der Liebe zu Gott und den Menschen, den beiden Grundpfeilern unserer Lehre, ein Denken und Fühlen, ein Sehnen und Regen, so innig und zart, daß die Lippe sich scheut, das Wort aus dem Gehege der Zähne zu geben, es zur Münze des Alltags zu machen — das Vaterland. Es ist das Denken und Fühlen, die das Kind aus dem Boden zieht, auf dem es steht, die es aus der Sprache nimmt, die an fein Ohr schlägt. Es ist das Vaterland, das wir uns nicht aus dem Herzen reißen lassen, mögen auch Haß und Feindschaft auf uns eindringen. Und wenn der Wanderer diesen Friedhof betritt und vor den Steinen steht und sinnt, bis die Steine zu sprechen beginnen, dann werden sie ihm erzählen von todesmutigem Wagen und siegendem Sterben der Helden und von ihrer Lieben Leid und Schmerz und verwindendem Weh, dann werden sie zusammenklingen mit den anderen Steinen in deutschen Landen in Sehnen und Hoffen und in verhaltener Kraft, dann werden sie aber auch als Zeichen und Sinnbild den Willen der Gemeinschaft künden, die diese Stätte bereitet, den Willen zum Vaterland. Mit der Bitte an die Versammlung, nunmehr aus der Halle hinaus vor das Denkmal zu treten, schloß Dr. Neumeyer seine Ausführungen. Im Freien brachte eine unsichtbar aufgestellte Militärkapelle eine von dem Leiter des Synagogenchor, Herrn Kapellmeister Josef Ziegler, eigens für die Feier komponierte Tondichtung, deren Grundmotiv das ehrwürdige, ergreifende: „Kol Nidre" bildete, zum Vortrag. Inzwischen hatten alle Feftteilnehmer vor dem Denkmalplatze Aufstellung genommen. Auf eine an ihn gerichtete Bitte befahl Generalfeldmarschall Prinz Leopold, daß die Hülle, welche bisher den Sarkophag den Blicken entzogen hatte, falle. Entblößten Hauptes lauschten die Anwesenden der alten Weise vom guten Kameraden, die klagend über den weiten Gräberplatz hin erklang. Nachdem das rührende Volkslied verklungen war, schritten Rabbiner Dr.. Ehrentreu — der ehrwürdige Priester, Ehrenbürger der Kultusgemeinde München, hatte es trotz feiner hohen Jahre auf sich genommen, der Feier anzuwohnen — Rabbiner Dr. Baerwald und Oberkantor Kirschner vor das Denkmal. Ein deutsches Weihegebet, von Dr. Baerwald gesprochen, und daran

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