Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 1 (27.2.1925)
- Article
- Gefallenengedenkfeier
- Date
- 1925-02-27
- Page
- Seite 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Möge in nicht allzu ferner Zukunft die Zeit kommen, in der auch diejenigen, die noch in falschem Irrtum befangen sind, sich der geschichtlichen Wahrheit nicht verschließen und sich bewußt werden, daß die Deutschen jüdischen Glaubens im Sturm und in der Abwehr beim großen Weltgeschehen in den vier Schicksalsjahren ihre Pflicht in gleichem Maße erfüllt haben, wie alle Deutschen. So künde für alle Zukunft die Gedenktafel das Wort der Helden: „Wir haben gekämpft und ge st ritten, wir haben gelitten für das ganze große deutsche Volk. Wir haben der Liebe zum gemeinsamen deutschen Vaterland unser Leben zum Opfer gebracht, wie das Gesetz es befahl." Die Feier auf dem Friedhof mar auf 11 Uhr festgesetzt. Von der Synagoge aus hatte sich der Frontbund in bereitgestellten Straßenbahnzügen zum Gottesacker begeben und dort in mustergültiger Weife für die Spalierbildung, Aufrechterhaltung der Ordnung u. a. gesorgt. Herr S. Weil, Mitglied des Vorstands, Hauptmann d. L. hatte die mühevolle Aufgabe der Vorbereitung übernommen; er hat die gesamte Veranstaltung in mustergültiger Weife durchgeführt. Die eingeladenen Ehrengäste wurden am Friedhofseingang von Offizieren und Mitgliedern der Gemeindeverwaltung empfangen und zur Halle geleitet. Nur gedämpftes Licht drang durch die mit schwarzem Flor bespannten Fenster in den Raum. Auch sonst war durch Bespannung der Wände, Verhüllung der Kandelaber, und einfachen Pflanzenschmuck die Halle der besonderen Bedeutung des Tages angepaßt. Ein größerer Teil des Raumes war den Hinterbliebenen der Gefallenen Vorbehalten. Nachdem sich die übrigen Ehrengäste: in erster Linie der Vertreter des Kronprinzen Rupprecht, General Walther von Walderstötten, Vertreter des Ministerpräsidenten, des Kultusministeriums und des Ministeriums des Innern, der Regierung von Oberbayern, der Wehrkreiskommandeur Generalleutnant Kreß von Kressenstein, sowie Abordnungen der Polizeidirektion, des Kommandeurs der Landespolizei und der Stadtkommandantur in der Halle versammelt hatten, erschien von allen Anwesenden ehrerbietig begrüßt, der 77 jährige Generalfeldmarschall Prinz Leopold von Bayern in Begleitung seiner Gemahlin, Prinzessin Gisela von Bayern. Von außenher klang klagender Trompetenruf in die Halle. Ergreifend sang Kantor Kirschner, begleitet von einem Männerchor (Synagogenchor und Männerchor des Jüdischen Gesangvereins München) den Psalm 91. Sodann bestieg Rabbiner Dr. Baerwald die Kanzel zu nachfolgender Gedächtnisrede: Dieser Stunde haben wir entgegengeharrt seit dem Tage, da der Kampfeslärm verstummte. Diese Dankespslicht empfinden wir als eine Schuld, die wir einzulösen hatten. Dies Denkmal, das jetzt bald sich außen uns zeigen soll, das hat seit Jahr und Tag unser Geist vorahnend geschaffen, bis dankbarer Sinn und opferfreudiger Wille, bis des Künstlers Phantasie und des Werkmeisters Hand es zur Wirklichkeit haben entstehen lassen. Eine Dankesschuld gilt es einzulösen. Wohl sind wir uns bewußt, daß der Größe des Dankes, den wir den Gefallenen schulden, kein Denkmal entsprechen kann, ragte es auch bis in die Wolken hinein. Wohl wissen wir, daß dem, was tief im Herzen sich regt, dem Dank und der Trauer, dem Stolz und dem Gelöbnis äußere Zeichen nie ganz gerecht werden können, aber das Innere ringt nach Ausdruck, das Gefühl strebt zum Gegenstand, an den es sich anlehnt. Unsere Gedanken suchen das Bild, an das sie sich heften. Und darum wissen wir auch die Antwort auf die Frage, die einst Josua, des Mose Jünger und Nachfolger, stellte, als das Denkmal am Jordan aufgerichtet ward. Wenn euch einst eure Kinder fragen werden: Was soll euch dieser Stein? „Dann lautet auch für uns die Antwort: Dies Mal soll sein ein Denkmal, ein Mal des Gedächtnisses, der nie erlöschenden Erinnerung." (Jos. 4/6). Ein Denkmal soll es fein! Nicht als ob ihr ein Erinnerungszeichen gebraucht hättet, ihr Eltern, die ihr euer Teuerstes hergegeben habt, eure Söhne, die euer Stolz und die Hoffnung eures Alters waren, nicht ihr bräuchtet ein Denkmal, ihr Frauen, die ihr eure Männer hinausgeleitet habt, einmal, zweimal und öfter, bis mit ihnen euer Glück dahinsank, und die ihr den Lebenskampf auf die eigenen Schultern nehmen müßt; ihr Kinder, die ihr oft eure Väter nicht gekannt, die ihr ohne ihre Leitung durch das Leben gehen müßt. Nicht als ob uns ein Denkmal ar sie erinnern müßte, an die Brüder und Freunde, die mit uns jung und fröhlich waren, deren Brust gleich der unsrigen von Tatendurst geschwellt, von mörderischen Geschossen zerrissen ward, die wir dahinsinken sahen „als wär's ein Stück von mir", die gestorben sind, ohne zu fragen, ob man ihrer gedenken werde. Wie sollten wir ihrer vergessen: deren unabsehbares Heer vor unsere Seele tritt? Sind sie nicht eingeschrieben in die Tafeln unseres Herzens, fester als die Namen draußen in Stein? Und doch, ihr Andenken sollte ein sichtbares Zeichen erhalten an dieser Stätte des Friedens, an diesem Ort der Sammlung. Hier sollen sie alle, deren Gemüt beladen ist, eine Stätte haben, an der sie still sich ausweinen können. Dem so verständlichen Gefühl, das Denkrmalsenthüllung auf dem Friedhof .-MM. sich gerne gleichsam noch die körperliche Nähe der letzten irdischen Reste vortäuscht, sollte hier Genüge getan werden. Wie wenigen ist es doch gegönnt, die Gebeine der ihnen Teueren in ihrer Nähe zu wissen. Wie wenige können doch die Stätten besuchen aus den ungeheuren Leichenfeldern in Ost und West, fern von den Grenzen des Vaterlandes, das sie mit ihren Leibern geschirmt haben. Des Menschen Geist bedarf des Symbols; hier sollte es stehen am Ort des Friedens, damit die Seelen, die ihrer denken, den Frieden finden, damit ihre Namen leuchten und fernen Geschlechtern