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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1925-02-27 · 1 (27.2.1925) · p. Seite 7

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
1 (1925)
Issue
1 (27.2.1925)
Article
Gefallenengedenkfeier
Date
1925-02-27
Page
Seite 7 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 7 anschließend das Kaddischgebet beendeten diesen Teil der Feier in religiös-inniger, tief ergreifender Weise. Den Schlußakt bildete die Kranzniederlegung. Im Aufträge des Kronprinzen Rupprecht widmete General Walther von Walderstötten mit Worten der Anerkennung und Dankbarkeit den ersten Kranz. Ein mächtiges Lorbeergewinde wurde sodann von Dr. Werner für den Frontbund niedergelegt. An die 12 000 jüdischen Krieger erinnernd, die ihr Leben auf dem Felde der Ehre gelassen, betonte der Redner, wie die Gefallenen durch ihren Heldentod ein Bekenntnis zum deutschen Vaterland abgelegt hätten, das lauter als alle Worte es vermöchten, durch die Jahrhunderte klingen werde. Die Überlebenden müßten an ihrem symbolischen Grab die Hoffnung aufpflanzen, daß ihr Opfer nicht vergeblich gebracht, daß aus ihrem Blute für das gesamte deutche Volk der Geist der Versöhnung entsprieße — aus ihrem Blute, mit dem sie die alte Wahrheit bekräftigt hätten, daß „wir jüdischen Volksgenossen mit unserem deutschen Vaterlande unauflöslich verwachsen seien, für und für". Wenn diese Hoffnung sich erfülle, dann würde auch von unseren Gefallenen das Wort gelten, das vor einem halben Jahrhundert angesichts der Leichenfelder von Rietz der Dichter gesprochen habe: „Nimmer soll, das Ihr vergossen, Euer Blut umsonst geflossen. Nimmer soll's vergessen sein." Weitere Kranzniederlegungen durch das Präsidium des bayerischen Kriegerbundes, den Reichsverband deutscher Kriegsbeschädigten, die Studentenverbindungen „Iordania", „Licaria" und „Thuringia" und durch die Gesellschaft „Concordia" folgten. Dann kam zum Abschluß nochmals die Veranstalterin der Enthüllungsfeier, die Kultusgemeinde München, zum Wort. Der Vorsitzende der Gemeindevertretung, Rechtsanwalt Dr. O e st r e i ch, hielt unter Niederlegung eines mächtigen Lorbeerkranzes folgende Ansprache: Im Namen der gesamten jüdischen Bürgerschaft dieser Stadt, als Vorsitzender der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde München, bringe ich diesen Lorbeerkranz unseren teueren Gefallenen dar. Schlicht wie die Tafeln, auf welche ihre Namen eingeschrieben sind, schlicht wie ihr Leben und Sterben gewesen, schlicht wie es der Ernst der Stunde gebeut, seien auch die Worte der Widmung, die zugleich nochmals Geist und Ziel dieser GedächMisfeier bannen mögen! Doch wie ließe sich das, was uns alle tief im Innersten bewegt, einfacher ausdrücken, als mit jenem Gebet, das uneingemeißelt auch auf diesem Denkmal steht, was wäre einprägsamer als der Mahnruf, der zu unserem geistigen Ohre dringt, fernher von den Tausenden und Abertausenden Kriegergräbern in Feindeserde, was ist erschütternder als der Notschrei eines gequälten Volkes, der nunmehr auch in die Wände unserer Feldherrnhalle, der Erinnerungsstätte der alten glorreichen bayerischen Armee eingegraben ist. Ja auch hier, auf der geweihten Totenstätte, sei sie ausgerufen: die ernste Losung des deutschen Volkes von heute: „Herr mach uns frei!" Wenn wir diesen Ruf, der ständig an uns ergeht, im Sinne derer, die wir heute ehren, verstehen wollen, dann heißt das: Dreifaches Bekennen: Herr mach uns frei! Vom eigenen Fehl, laß uns das Menschliche-Allzumenschliche abstreifen, wie unsere teueren Gefallenen, als sie sich pflichtgetreu und willig für das gemeinsame Ganze hingegeben haben. Herr mach uns frei! Von der Zwietracht, die das deutsche Volk zerreißt, laß insbesondere auch die notgeborene, unoer-. diente Mißgunst schwinden, die uns jüdische Glaubensgenossen trennen will von unseren treuen deutschen Volksgenossen, laß Eintracht werden, damit mit ihr und in ihr sich erfüllt: das dritte, ge-, wattigste, nötigste Herr mach uns, mach unser geliebtes Vaterland frei von Schmach und Schande, in welche es unerbittliche, ob des unverdienten Erfolges übermütige Feinde, immer mehr verstricken wollen. An diesem Werk der Läuterung, der Versöhnung und der Befreiung, sollen die, welche wir uns jetzt hier ruhend denken, unser Vorbild sein! Laßt uns ihrer würdig fein! Mit diesem Gelöbnis der Treue dankt die Kultusgemeinde München ihren treuesten Kindern. Wenn Kranz und Stein verfallen, werden sie leben in ehrfürchtigem Gedenken von Geschlecht zu Geschlecht j Weithin schallten die Worte des Redners über das Gräberfeld und tief im Herzen verankerten sie den Ernst und die Würde der Feier, die in Beethovens Meisterchor, 19. Psalm, ihren Abschluß fand. Oer Verband bayerischer israelitischer Kultusgemeinden Von Rabbiner Dr. Stein, Schweinfurt. Der überzeugendste Beweis für die Notwendigkeit einer neu gegründeten Institution des öffentlichen Lebens ist sicher in der Tatsache gegeben, daß man dieselbe für eine Selbstverständlichkeit hält, daß man glaubt, ohne sie nicht auskomrnen zu können. Die durchschlagende Kraft dieses Beweises wird noch durch die Erwägung der Zeitkürze verstärkt, innerhalb deren sich diese Überzeugung der Unentbehrlichkeit herausbildet, innerhalb deren diese Neugründung in den Seelen der Zeitgenossen zur Selbstverständlichkeit wird. Diese psychologische Tatsache, daß uns Menschen gar leicht alles zur Selbstverständlichkeit wird, birgt aber auch schwere Nachteile in sich. Wir vergessen zu leicht, wir sind in Gefahr, undankbar zu werden, wir wissen das Gegebene, die Gegenwart nicht immer richtig einzuschätzen. Wir möchten behaupten, daß alles hier Gesagte auch auf den Verband bayerischer israelitischer Kultusgemeinden zutrifft. Der Verband ist noch nicht alt, er ist sogar noch sehr jung. Er besteht erst vier Jahre. Und dennoch ist er bereits für die Juden Bayerns zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Man kann sich kaum mehr vorstellen, daß er einmal nicht existtert hat. Das beweist uns aber auch, daß er für die Zeitgenossen zu einer Verstandes- und gefühlsmäßig erfaßten Notwendigkeit geworden ist. Diese Tatsache kann erst dann voll gewertet werden, wenn wir uns erinnern, daß die Gründung des Verbands mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, daß absolut keine Einmütigkeit hinsichtlich der Notwendigkeit und vor allem der Unbedenklichkeit seiner Gründung gegeben war. Und nun heute dieser wohltuende consensus omnium, diese Einmütigkeit der Anschauung, daß die Gründung des Verbands das glücklichste Ereignis in der Entwicklung des bayerischen Judentums seit langen, langen Zeiten gewesen ist. Wie haben wir uns das alles zu erklären? Wir sagen: Das ohne Zweifel zu allen Zeiten latent vorhandene Gemeinschaftsgefühl der bayerischen Juden, das sich bis jetzt mangels einer geeigneten Organisation — der Landesverein war eben doch nur

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