Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1936
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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8 E. Urbach Wir können auf alle Fragen bejahend antworten. Aber der Kundige wird sich mit diesen Antworten nicht zufrieden geben. In den Tossafot findet man etwas, was mehr als Kommentar, was mehr alsDezision ist. Wir finden in ihnen einen neuen Talmud. Der im 14. Jahrhundert lebende Isaak ben Scheschet3 charakterisiert die Eigenart der Tossafot in ihrem Verhältnis zur anderen talmudisch-rabbinischen Literatur mit folgenden ausgezeichneten Worten: ״Das eine Licht, das in Frankreich aufgegangen war, ist Raschi, ohne dessen Kommentar der Talmud ein verschlösse•״ nes Werk wäre. Das andere ist unser Lehrer R. Jakob Tarn, dessengleichen es seit dem Abschlüsse des Talmuds nicht ge~ geben hat. Zu seiner Zeit waren nur wenige Werke über den Talmud vorhanden, wie die Sche’eltot, Halachot Gedolot, der Kommentar des Raschi, aber auch in diesen Schriften war nichts Neues zu dem im Talmud enthaltenen hinzugetan. Sie enthielten nur Erklärungen und wenige Zusätze/' Die Tossafisten, von deren bedeutendsten Repräsentanten R. Tarn hier die Rede war, haben zum Talmud etwas Neues hinzugefügt oder besser gesagt, ihn fortgeführt. Die Tossafot sind kein Kommentar oder ein Superkommentar, sondern die Fortsetzung des Talmud, Man kann viele Tossafot in den talmudischen Text hineinstellen, und wir werden sie für nichts anderes als Talmud halten4. Die Ähnlichkeit mit dem Talmud äußert sich besonders in der Methode5 6. 3 RGA Nr. 394. 4 Vgl. z. B. T. Sanhedrin 6 a s. v. לא דמע Schabbat 133 a s. v. עושץ Jebamot 5 a s. v. שכן• Vgl. auch Tschernowitz in Schwarz-Festschrift, Hebr. Teil S. 9. 6 Die Methode der Tossafot läßt sich nur als Fortsetzung der talmudischen erklären — wenn Dubnow (Weltgeschichte etc. Bd. IV S. 329) folgenden Satz schreibt: ,,Es ist wohl kein Zufall, daß diese rabbinische Scholastik gerade in Frankreich und Deutschland zur Entfaltung kam, das ist in jenen Ländern, wo um diese Zeit auch die christlichen, theologischen Studien ihren höchsten Triumph feierten", darf er wohl dahin verstanden werden, daß das französische und deutsche Mittelalter nicht jene An., ziehungskraft und jenen Geistesreichtum aufzuweisen vermochten, wie das arabische Spanien, so daß die Juden alle ihre Energie dem Talmud-Studium zu wenden konnten. Von einer direkten Beeinflussung des letzten von irgendeiner Seite her kann keine Rede sein. Man ist heute auch bei gleich.* artigen Erscheinungen verschiedener Religionen weniger geneigt, Einflüsse und Verbindungen anzunehmen, mindestens solange nicht der Beweis erbracht werden konnte, daß die gemeinsamen Vorstellungen sich nicht un1־ abhängig von einander entwickelt haben (vgli. M. Much, Trugspiegelungen orientalischer Kultur 1907). Für Fragen der Methode und Denkweise ist diese Vorsicht besonders geboten. Auffallende Ähnlichkeiten der Methode