Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 98)
- Language
- German
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84 § 4. Wesen und Motive der altjüdischen! Allegoristik griechischer Rhetorik ausgebildete Bereitschaft, geistreiches Spiel an Stelle schlichter Wahrheit zu hören. Daher geben die Schulen, in welche uns Philon hineinsehen läßt, den Wortsinn der Ur- und Patriarchengeschichte, theoretisch auch denjenigen zahlreicher Ritualgesetze preis. Aber schrankenlos kann sich auch hier die Allegoristik nicht auswirken. Nicht genug, daß Philon die Allegorisierung der Gesetze als eine Symbolisierung aufzufassen sucht40, er möchte auch nicht auf diejenigen Bestandteile der Schrift verzichten, deren Wortsinn die Wirkung des Judentums auf seine Umwelt begründete: den Schöpfungsbericht, der dem Judentum viele Proselyten zuführte41, dessen Allegorisierung er daher in dem großen Kommentar fast übergeht42, um ihm eine besondere, mit Zahlensymbolik durchsetzte, aber den Wortsinn (die Beziehung auf Himmel und Erde) wahrende Schrift zu widmen, und die Geschichte des auch von Heiden mit Ehrfurcht genannten Moses43, den er durchaus nicht nur als legos ^öyog auffaßte, sondern auch zum Helden eines von aller Allegoristik freien Enkomion macht. Und selbst in den allegorischen Schriften, die nur vergeistigende Deutungen der Gesetze kennen, läßt er es sich nicht nehmen, den sittlichen Emst der jüdischen Feste im Gegensatz zu den griechischen zu betonen44. Auch hier sind also der Allegoristik durch den Einblick in ihre Nachteile Grenzen gezogen, wenn auch gewiß viel weitere, als im rabbinischen Judentum45. Zusammenfassend ergibt sich: Die altjüdische Allegoristik trägt zwar alle Merkmale echter Allegoristik. Sie unterscheidet sich aber deutlich von den übrigen Erscheinungsformen der allegorischen Schriftdeutung: 40 Heine man n> Phiions Bildung* 463 ff. 41 ER. 30, 12 will Aqirila Jude werden, weil bei den Juden jedes Kind weiß, wie Gott die Welt geschaffen hat. Dazu stimmt die Erzählung Tatians (or. 29), die Schriften des A-T. hätten ihn zur Annahme des Christentums veranlaßt, u. a. durch die leicht faßliche Darstellung der Weit- Schöpfung. 42 Vgl. Heinemann, Schriften der jüd.-hell. Lit. HI 9. 48 Ober Moses' Einschätzung in der antiken Welt und über Phiions Biographie vgl. Heinemann in RE. Altw. XVI 359ff. 44 Vgl. HansLewy, Sobria ebrietas 33f. 45 *Die Allegoristik der mittelalterlichen Religionsphilosophen bespricht kurz Bloch in: Moses ben Maimon׳ I (1908) 11, 2. Über die Grenzen, die der übertragenen Deutung gezogen sind, vgl. Bacher, Die Bibelexegese der jüdischen Religionsphilosophen (1892) 8 (Saadja); Neuburger; Das Wesen des Gesetzes in der Philosophie des Maimonides (1933) 10 Anm. 13. Diese Abgrenzungen haben aber das Aufkommen einer radikalen Allegoristik (die etwa Abraham •und Sara als Form und Materie faßte) im• 13. Jhdit. nicht hindern können; und so gewiß Kaufmann (Jubelschrift Zunz, 1884, 143 ff.) recht hat, daß sie unter kirchlichem Einfluß steht, so konnten sich ihre Vertreter doch methodisch bis zu einem gewissen Grade auf Maimuni berufen- Über radikale Gesetzesallegoristik in mystischen Schriften des 14. Jhdts. vgL Scholem, EJ. 1X 657.