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Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1935-01-01 · 1935 · page 96

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Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1935
Date
1935-01-01
Page
– (sequence 96)
Language
German
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IRI
…/2720904-2721057--095-2727648
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82 § 4. Wesen und Motive der alt jüdischen Allegoristik schichtliche Ereignisse verlieren ihren besonderen Sinn und erfahren eine religiöse, z. T. pazifistische Umdeutung33. Eben durch dies Hervortreten verschieden gerichteter Motive entspricht das volkskünstlerische Schaffen des Midrasch der Eigenart des rabbinischen Denkens überhaupt, das zwar zwischen rituellen und ethischen Forderungen durch die Lehre vom sittliehen Sinn der Mizwot einen Ausgleich findet, ״psychologisch aber bald die eine, bald die andere Seite des Sachverhaltes in den Vordergrund" rückt34. Daß die Umformung des Volksgutes nicht nach rein ästhetischen Gesichtspunkten erfolgt, ist keine Eigentümlichkeit des Judentums. Nirgends spiegelt sich die Lebensanschauung eines jeden Volkes so rein wie in den unbewußten Zeugnissen seiner Sage. Aber eigentümlich ist allerdings, daß die Lebensanschauung, die zur Weiterspinnung der Schriftworte treibt, selbst in diesem Schriftwort, in seinem Wortsinn natürlich, wurzelt; hierin liegt offenbar auch ein Gegensatz zur griechischen Allegoristik. Daran liegt es, daß dieselbe jüdische Frömmigkeit, die das wirksamste Motiv der Allegoristik bildet, ihr zugleich die Schranke weist — sobald sie nämlich eine Bedrohung der Grundlagen fürchtet, auf denen das innere Leben des Juden beruht35. Aus religiös-ethischen, historischen, rituellen Motiven erwuchs, wie wir sahen, die jüdische Frömmigkeit. Die Umdeutung der Stellen über die böse Frau der Spr schien die erzieherische Wirkung zu beeinträchtigen, deren man in dieser Zeit geschlechtlicher Entartung und gnostischer Extatik mit Grund zu bedürfen glaubte; daher schrickt man vielfach vor der Allegorisierung zurück. In Schöpfungs- und Patriarchengeschichte allegorisiert man einzelne Züge: der Verlauf der Gesamtgeschichte bleibt unangetastet; und bei aller Neigung zu pazifistischer Umdeutung besteht man auf dem Wortsinn von Ex 153 ״Gott ist ein Kriegsmann" — gerade weil Markion von Gottes Beziehung zum Krieg nichts wissen wollte36. Besonders vorsichtig ist man bei der Umdeutung der Gesetze, die ja das Christentum nur allegorisch verstehen wollte; einer der kühn- 33 o. S. 29f.; 32 f. 34 Jul. Guttmann 42. 35 Döß diese Besorgnis zum Bewußtsein kam, zeigt der Satz אין מקרא יוצא מידי ®שוטר♦ O. Anm. 5. — Origenes de princ. IV 19 äußert gegen eine uferlose Allegoristik teils geschichtliche Bedenken (Abrahams Grab, Salomos Tempel gehören der Wirklichkeit an), teils sittliche 07ehre Vater und Mutter44 ist wörtlich zu nehmen). 33 Belege bei Marmorstein, HUCA VI 180.

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