Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 95)
- Language
- German
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künstlerische Motive 81 zu sprechen kamen, erinnern durchaus an diejenigen eines Franzosen, der von Versailles kommend in einen englischen Park tritt; hier scheint ihm alles unzivilisiert, reiner Wildwuchs zu sein. Und doch gibt es echte künstlerische Werte auch da, wo die schnurgeraden Linien fehlen — im halbbewußt sinnvollen, nicht planmäßig zweckhaften Schaffen der Volkskunst. Wesentlieh seine Gesetze bestimmen die freie Umgestaltung des Schriftwortes durch die Rabbinen. Nur selten mischen sich rationale Motive apologetischer oder methodischer Art (Deuteregeln) ein. Und doch hat ihr Schaffen einen Sinn, der sich zielsicher durchsetzt: den gleichen Sinn, der weithin die Dichtung über ihre ästhetischen Ansprüche hinaus bestimmt: den überkommenen Stoff mit dem Gehalt der eigenen Lebensanschauung zu durchdringen. Diese Lebensanschauung beruht gewiß auf der Bibel. Aber eine fruchtbare Spannung zwischen dem gestaltenden Prinzip und dem zu formenden Stoff ergab sich daraus, daß der Mensch der rabbinischen Zeit die bisweilen gesonderten Elemente der biblischen Anschauung — Religiös-Ethisches, Rituelles, Historisches — in unlöslicher, organischer Verknüpfung erlebt und daher das einzelne biblische Buch, ja, jeden Vers, nur als Glied der Bibel, als Träger ihres Gesamtgeistes aufzufassen weiß. Wie der Tragiker das Gesetz des gesamten Weltgeschehens am einzelnen Begebnis, zum Teil umgestaltend, aufzeigt, so glaubt sich der Jude berechtigt, eben weil seine Anschauung auf der Bibel beruht, die Bibel als Ganzes am einzelnen Punkte zur Geltung zu bringen — also nicht nur in Qoh und HL, deren Wortlaut vom Gesamtgehalt der Bibel abliegt, sondern auch überall da, wo nur ein einzelnes jener Elemente hervorzutreten scheint. Den ganz unhistorischen dichterischen Hagiographen schafft der Midrasch zumal durch die Pitradeutungen die Beziehung zur Volksgeschichte; in den Darstellungen der Vergangenheit sehen seine Deutungen — im einzelnen spielend, im ganzen planvoll, wie wir S. 28 sahen — die Spuren der Zukunft, deren Bild das Hoffen der midraschischen Zeit beherrscht. Die rein ethische Frömmigkeit der Weisheits- Schriften mit Einschluß des HL wird rituell interpretiert. Aber diesen — wenn der Ausdruck erlaubt ist — konkretisierenden Umdeutungen stehen vergeistigende gegenüber: Ritualgesetze werden ethisiert oder durch Beziehung auf das Weltgeschehen ihres gesetzlichen Gepräges entkleidet32; Ortsnamen und ge- 39 o. S. 42 f.