Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 92)
- Language
- German
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78 § 4. Wesen und Motive der altjüdischen Allegoristik kaum zu bezweifeln, daß viele Umdeutungen, darunter auch allegoristische, die uns fast unbegreiflich erscheinen wollen, auf dem künstlerischen Reiz der ״doppelten Bewußtseinslage" beruhen, der, wie wir wissen, die Allegorese und bisweilen die Allegoristik erzeugen konnte (S. 12); gerade hier hat sich der Piut als legitimer Erbe midraschischer Technik erwiesen, dessen doppelsinnigen Anspielungen auf Bibelstellen21** den Rationalisten — durchaus verständlicherweise — stets ein Dorn im Auge gewesen sind. Vor allem fällt aus der Erkenntnis des volkskünstlerischen Charakters des Midrasch Licht auf den seltsamen Schwebe- Charakter der rabbinischen Exegese zwischen Emst und Scherz, auf den wir bereits S. 72 aufmerksam wurden. Er zeigt sich nicht nur in der Allegoristik, sondern allgemein und führt z. B. in den Al tiqre-Deutungen zu einer richtigen ״Philologie des Als Ob". Wie wenig sich solche Erscheinungen nur aus den theologischen Voraussetzungen des Midrasch ableiten lassen, zeigt ein Blick auf die mittelalterliche Exegese, natürlich nur, soweit sie nicht den Midrasch wiedergibt. Einem Raschi ist es mit seinen eigenen Bemerkungen zur Thora nicht minder ernst wie mit denen zum Talmud. Wie kommt es, daß die Exegese des Midrasch mit besonderem Einschluß seiner Allegoristik einen zugleich urtümlicheren und loseren, freieren Charakter trägt? Wir sahen § 1 (S. 9 f.), daß Eigentümlichkeiten des primitiven Denkens zwar von Wissenschaft und Technik zurückgedrängt werden, im künstlerischen Schaffen jedoch ihr Lebensrecht und ihren Kulturwert behaupten. Nun ist für das vorwissenschaftliche Denken bezeichnend, daß es ״die entscheidende Krisis, mit der das empirische und rationale Denken beginnt, noch nicht kennt" und daher ״die Grenze zwischen dem bloß Vorgestellten und der wirklichen Wahrnehmung" oft nicht sieht22. Und während die Wissenschaft auf scharfer Scheidung 21a Nur ein Beispiel: Gabirol schließt die Schilderung־ der seligen Seelen כתר מלכות Z. 223 B.-R. mit dien Worten ואלה בני, נח Gn 919 im metaphorischen Sinn: ״dies sind die Noachiden“ (die als Hüter der noachidischen Gebote Anspruch auf die Seligkeit haben) und ״dies sind die Kinder (Teilhaber) der (ewigen) Ruhe“. — Auf noch weiterer Entwicklung beruht das ״Stilmittel der Umkehrung“: Ernst Simon, Ch. N. Bialik (1935) 38; 65. 22 Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen II 47; ganz ähnlieh Oldenberg 225 über die Inder (vgl. auch 110ff., 120f. über Identifikationen, die nicht ganz ernst gemeint, aber doch nicht nur symbolisch zu nehmen sind).