Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 91)
- Language
- German
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Poietische Exegese 77 und andererseits freie Sagen ohne Schriftgrundlage; aber kennzeichnend für ihn sind jene Stellen, an denen er das Schriftwort selbständig weiterspinnt. Das ist nicht ״Homiletik“, wie man mit einem beliebten Anachronismus sagt. Der Kanzelredner (oder der Lehrer) mag Einzelheiten rhetorisch ausmalen; aber die Weiterführung des Erzählungsfadens ist auch heute Sache des Dichters. Das Verfahren des Midrasch ähnelt vielmehr demjenigen der Volkssage. Wie diese mit dem geschichtlichen Erbgut, so verfährt der Midrasch mit dem literarischen; es bedeutet keinen grundsätzlichen Unterschied, daß durch die Uterarische Festlegung die Freiheit des Schaffens eingeschränkt ist; wesentlich ist, daß hier wie dort, im Gegensatz zu Geschichts- Schreibung und Philologie, das Weiterspinnen als durchaus legitim, als Recht und Pflicht des Erben gilt. Vielleicht dürfen wir ein solches Verfahren als poietische Exegese benennen, um einerseits seine Nähe zu dem freien Schaffen des Künstlers zu bezeichnen, andererseits ästhetische Ansprüche an die Form der Darbietung auszuschließen, die dem Midrasch ebenso fern liegen, wie die Schätzung der Schönheit der biblischen Texte20. Aus der Feststellung, daß sich im Schaffen des Midrasch auch volkskünstlerische Kräfte auswirken, erklären sich gerade solche Eigentümlichkeiten seiner Allegoristik, die dem wissenschaftlichen Erforscher der Aggada fern liegen (vielleicht aber von dem naiven Leser unbewußt ganz richtig aufgefaßt werden). In Pitra als Rätsel- und Traumdeutung (o. S. 19 f.), vor allem in der Mannigfaltigkeit der Deutungen, bekundet sich eine Freude am geistreichen Spiel21, die weder aus der Ehrfurcht vor der Bibel noch aus volkserzieherischer Absicht abzuleiten wäre, ja, mit beiden eher in Spannung zu stehen scheint. Und es ist exegese der Tannaim, Breslau 1893. Vgl. auch Samuel Rosenblatt, The Interpretation of the bible in the mishnah, Baltimore 1935. 20 Die Auffassung des Midrasch als eines Kunstwerks ist in sehr verschiedenem Sinne von Männern wie Maimuni, More III 43, M. Sachs (Die religiöse Poesie der Juden in Spanien2 163), Bacher (Pal. Am. I XIV f.) vertreten worden. Der oben kurz angedeutete Standpunkt kommt dem von Michael Sachs vertretenen am nächsten, ohne sich ganz mit ihm zu decken. 21 Natürlich findet sich die Neigung zu geistreichem Spiel auch außerhalb der Volkskunst. Wer aber die bis zur Frivolität kühnen Homerdeutungen eines Apion oder Dion von Prusa mit denen des Midrasch vergleichen kann, dem ergibt sich der Unterschied zwischen einer (im Schülersehen Sinne) naiven und einer effektbewußten AuSlegekunst von selbst. Näheres an anderer Stelle. — Daß der Wunsch, ,,Darstellungstalent und Kenntnisse zu zeigen'4, in den freien Deutungen des Midrasch mitwirkte, betonte bereits Zu nz, Gottesdienst!, Vorträge263.