Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 88)
- Language
- German
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74 § 4. Wesen und Motive der altjüdischen Allegoristik eine weltanschauliche Bedeutung beizumessen. Andererseits versucht man, natürlich im Zusammenhang mit solchen Umdeutungen, die ganze Weite des Lebens auf die heilige Urkunde zu gründen. Nach Xenophon Symp. IV 6 kann man von Homer alles lernen, Verwaltung des Hauses wie des Staates, Rede- und Feldherrnkunst. Noch weiter gehend sagt Abot V 22 von der Thora: ״drehe und wende sie, denn alles ist in ihr enthalten". Das bezieht sich zunächst auf die Thora im engsten Sinne, den Pentateuch. Es gilt geradezu als Axiom, daß die ״Ketubim", d. h. doch wohl hier alle prophetisch-hagiographischen Schriften, nichts enthalten, was nicht in der Thora angedeutet wäre: Taan. 9a. Sie ist deshalb dem Aggadisten nicht nur Lebensweiserin, wie einem Maimuni: er hält sich auch für verpflichtet, das Geschichtsbild der ״prophetischen" Geschichtsbücher und namentlich des Buches Daniel in ihr wiederzufinden. Daher z. B. die so seltsam anmutenden Deutungen von Erzählungen und Gesetzen auf die vier Weltreiche, die wir kennen10*. Aber im weiteren Sinne gilt die Norm, daß man alle Weisheit im Gotteswort zu suchen hat, von allen biblischen Schriften, nicht zum mindesten den ״salomonischen". In ihnen die Mahnungen und den Trost zu finden, deren die Zeit des Erklärers bedarf, ist die Hauptaufgabe der allegorischen Exegese. 3. hinsichtlich ihres ״göttlichen" Charakters. Aus ihm folgt für die griechischen Homerverehrer so gut wie für die Juden die Unfehlbarkeit der Urkunde, auch bezüglich naturwissenschaftlicher Einzelheiten. Aber ein erheblicher Unterschied liegt darin, daß Homer nach allgemeiner Anschauung (zwar von einer Göttersprache weiß, jedoch) unzweifelhaft Menschensprache redet, während nach den Juden* 11 (und natürlich 10a Natürlich wollen diese Deutungen, ebenso wie die mit חרן bezeichn neten Zusammenstellungen von Versen aus den drei Teilen der Bibel (Bacher, Die Proomien der alten jüd. Homilie 1913, 8; vgl. auch Heller, BJ. IV 679 über Aggadat Bereschit) der Gefahr einer Unterscheidung zwischen Thora und den anderen Büchern Vorbeugen (über diese zuletzt Marmorstein, HUCA. X 226). 11 Der Satz דברה תורה כלשון בני אדם SNum. 1531 u. ö. bedeutet nur, daß im vorliegenden Falle die Thora sich eines Pleonasmus bedient, wie ihn die Umgangssprache liebt. Schon Geiger, Wiss. Zeitschr. V 78f. warnte mit Recht vor Verallgemeinerung, wie sie inzwischen freilich oft vorgekommen ist. Nie hat ein Halachist (geschweige ein! Aggadist) daran gedacht, die Bibel nur mit den Methoden zu erklären, die man auf die Mdschna anwandte. Einiges über die Vieldeutigkeit der Schrift bei Heller, EJ. IV 682; Enelow, Mischnat R. EHezer 45. Der Satz, daß ״der Wortsinn nur einer sein kann" (Heller 676 oben), gilt natürlich nur im Sinne des heutigen Philologen.