Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 86)
- Language
- German
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72 § 4. Wesen und Motive der altjüdischen Allegoristik tung der Anthropomorphismen zurückhalten lassen; selbst Maimuni, der (unter lebhaftem Protest von Männern wie Nachmanides) diesen Grundsatz mit besonderer Schärfe vertritt, lehnt deshalb die Allegoristik nicht ab. In der Tat erklären ja die Aggadisten bisweilen ganz offen, daß sie den Wortsinn seiner Unmöglichkeit wegen aufheben: bei einer Pitra-Deutung (S. 19, Anm. 27), bei der Umdeutung mancher Ortsnamen (S. 29), der Äußerungen des Qoh über Tafelfreuden (S. 58) und namentlich des HL; hier ist der Satz, daß der Name Salomo nicht den König, sondern Gott bezeichnet, sogar in die Halacha übergegangen. Gewiß bilden solche Deutungen die Ausnahme. Wir sind mehrfach auf offenbar spielende Exegeme gestoßen; der Gehalt der Deutungen an Emst und Wahrheit (im Sinne ihrer Vertreter) stuft sich sehr allmählich ab, von der Auslegung des HL bis zu den allegorischen Gesetzesdeutungen; die meisten Deutungen halten sich in einem eigenartigen Schwebezustand zwischen Emst und Spiel, dessen Erklärung uns noch beschäftigen wird. Aber sicher waren Männer, die dem Midrasch näher standen als wir, geneigt, den Wahrheitsgehalt etwas höher einzuschätzen als wir es tun; selbst Maimuni, der (wie Guttmann betont) sich keineswegs dogmatisch an die Aggada gebunden fühlte, hat die S. 36 Abs. 5 erwähnte Deutung von קרית ספר Lehr- Stätte als geschichtliche Überlieferung anerkannt6. Ginzberg und Guttmann haben gemein, daß sie von denjenigen Antrieben des midraschischen Schaffens ausgehen, welche dem neueren Theologen von seiner eigenen Lebensarbeit her verständlich sind. Dieser wird allerdings nur allegorisieren, wenn er den Wortsinn für untragbar hält oder — wenn er auf die Kanzel steigt. Daß aber auf den Midrasch überdies auch Motive wirken, die nicht die unseren sind, hat sich bereits bei der Untersuchung des Begriffes פת ergeben; wo der Philologe nur ein Streben nach Verdeutlichung sieht, wie es ihn selber leitet, wirkt sich in Wahrheit ein Bedürfnis nach Verrätselung und Enträtselung aus, das uns, als Gelehrten wenigstens, fremd ist. Vielleicht gelangen wir zu einer vielseitigeren Deutung der altjüdischen Allegoristik, wenn wir, statt von unserer Arbeitsweise, von ihrer Schwestererscheinung, der altgriechischen Allegoristik, ausgehen, deren Motive ziemlich deutlich erkennbar sind (s. o. § 1 B), und Gemeinsamkeiten wie namentlich Unterschiede zu bestimmen suchen. Die Allegoristik in ihren beiden Erscheinungsformen be- 6 Sefer hammizwot S. 14 Bloch, 6a ג c Heller.