Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 85)
- Language
- German
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Seitherige Meinungen 71 auch hier nicht, weil der Buchstabe ״no longer in consonance with modern views“ war, sondern z. T. gerade umgekehrt, weil man Mahnungen zu Fleiß und Gehorsam als trivial empfand; z. T. handelt es sich um Stellen, deren Wortsinn auch Jesaja nicht als religiös anregend angesehen haben würde. Die Diskussion Sabb. 30b zeigt überdies deutlich, daß auch bezüglich dieser Stellen die Allegoristik nicht als einzige Panacee empfunden wurde; die besondere Hochschätzung des umgedeuteten HL beweist, daß man dessen Allegorisierung nicht nur als Notbehelf betrachtete, sondern wegen der positiven Werte schätzte, die sie ergab. Mag man also wohl von einem apologetischen Einschlag in der altjüdischen Allegoristik sprechen dürfen, keinesfalls trägt sie apologetischen Grundcharakter, und auch dieser Einschlag unterscheidet sich von der apologetischen Allegoristik eines Origenes so erheblich, daß wir es vollkommen verstehen, wenn dieser, obwohl ein guter Kenner der rabbinischen Auslegung, wie gerade Ginzberg3 nachgewiesen hat, doch den Rabbinen nicht eine andere Form der Allegoristik zuschreibt, sondern ihre ״Herzensverstockung“ De princ. IV 8 auch auf die grundsätzliche Gegnerschaft gegen jede Allegorisierung bezieht. In völligem Gegensatz zu Ginzberg schreibt M. Guttmann4: ״Das rabbinische Judentum hat in der Allegorie eine ernste Auslegungsmethode niemals gesehen. Kein Schriftwort kann seinen ursprünglichen Sinn je verlieren“. ״Die Rabbinen* waren weit davon entfernt, durch die allegorische Aggada den Wortlaut der Bibel aufzuheben, vielmehr wollten sie ihn lediglieh bereichern und erweitern; die allegorische Auslegung ist ihnen poetisches Mittel, und der Bibelvers selbst dient nur dazu, um einen geeigneten Anknüpfungspunkt für den vorzutragenden Gedanken zu bieten.“ Daß Guttmann die Methode des Midrasch von der der Kirchenväter abhebt, ist gewiß berechtigt und verdienstlich. Aber der methodische Grundsatz, auf den er sich bezieht5, bindet den Exegeten (soweit sich dieser überhaupt durch ihn gebunden fühlt) höchstens an die Meinung des Schriftstellers, keineswegs aber an den Buchstaben. Nie hat sich ein Aggadist durch ihn von metaphorischer Deu- 3 Die Haggad'a bei den Kirchenvätern 1900. 4 Judentum und Umwelt 250 f.; EJ. I 963; v!gl. auch בחינת קיום המצוות 57 ff. (s. o. § 1 Anm. 19). 5 Uber אין מקרא יוצא מידי פשוטו Vgl. Heller, EJ. IV 674, auch zur Bedeutung von פשוט, das Chull. 6a und 133a die allegorische Deutung von Spr 23ג ff. und 2520 bezeichnet.