Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 79)
- Language
- German
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C. Hohes Lied 65 enthält das ganze Buch offenbar bei wörtlicher Auslegung nicht einen Vers religiösen Gehalts. Aber andererseits: welche Fälle der Hoffnung, welche Tiefe und Glut religiösen Verbundenseins strömte es aus, wenn man in seinen Liebesworten die Wechselrede Gottes und Israels vernehmen durfte! Dann war es freilieh die Perle im Geschmeide der heiligen Schriften: ״alle Ketubim sind heilig: aber das HL ist das heiligste von allen!“130 Daher der Schmerz und die Entrüstung der Verehrer des Buches, wenn sie seinen Mißbrauch zu profanen Zwecken bemerken mußten. ״Wer (auch nur) einen Vers des HL als lyrisehe Dichtung131 vorträgt oder einen Vers zur Unzeit beim Geläge vorträgt, der bringt Unheil in die Welt. Denn dann hüllt sich die Thora in Trauer und tritt vor Gott und spricht: Herr der Welt, deine Kinder machen mich zur Harfe, auf der die Spötter spielen“. Nicht Unschicklichkeit macht man also den hier Getadelten zum Vorwurf; die Klage bleibt die gleiche, mochten sie die kühnsten oder die zartesten Verse des Liedes herausgreifen: sie haben das Heiligste profaniert; sie gleichen also jenen frevelhaften Heidenkönigen (Dan 52; EstR. 2, 11), die die Tempelgeräte zu ihren Gastereien mißbrauchen. Eine weitere Vereinheitlichung der Exegese hat sich erst nach R. Aqiba durchgesetzt. Sie ist zu 112 bezeugt: R. Meir deutete den Vers auf die Sünde beim goldenen Kalb; man erwidert ihm: das HL ist nicht zu Israels Schande, sondern nur zu seinem Ruhme gegeben (ähnlich zu 24). In das Targum ist R. Meirs Erklärung übergegangen; und auch z. B. 22; 217; 52 f. enthält es Anspielungen auf die Schuld des Volkes; CR. weiß auch diese Stellen rühmlich zu deuten132. Hier ist also CR. einheitlicher als Tg.; nur ist natürlich unverkennbar, daß auch in letzterem der Tadel fast völlig hinter dem Lobe zurücktritt; und auch für R. Aqiba war das HL im wesentlichen die stolze Botschaft von Israels Ruhm und von der ewigen Liebe seines Gottes. Solcher Botschaft aber bedurfte Israel gerade in jener Zeit nach dem Fall des Tempels, da noch stärker als äußeres Leid der Hohn der Umwelt ihm ins Herz griff, die es als gottver- 180 R. Aqiba zu! lx § 11. 131 מושה אותו כמין זמר Sanh. 101a. Sehr ähnlich äußert sich R, Aqiba, der mit besonderem Nachdruck für die Heiligkeit des HL eintrat (s. o.), Tos. Sanh. XE 10• 132 Pedantisch ließ sich dieser Grundsatz freilich nicht durchführen: vgl. etwa zu \> 81r Zu K' 213 hat man den Eindruck, daß die hier erwähnten Schwächen nur die Folie zu den folgenden rühmlichen Taten bilden.