Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 77)
- Language
- German
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C. Hohes Lied 63 einandergehen und gar von einem Versuch zeitlicher Ordnung der Ereignisse, auf die das Buch anspielt, nicht die Rede ist123. Vielmehr zeigt sich auch hier die — für das Verständnis der Aggada grundlegende — Tatsache, daß der Midrasch bei der Auslegung ganzer Werke nicht von einem einheitlichen Plane ausgeht, den er systematisch durchführt, vielmehr in sehr weitem Umfange ״Stichwortexegese“124 bietet; ״hier haben wir lauter kleine Einheiten; hier ist alles Tradition und alles Mosaik, ruhend auf mündlicher Überlieferung“125. Man liest ja die Bibel viel seltener als man sie hört126; und während das Auge unwillkürlich den Zusammenhang einer Stelle überblickt, so konzentriert sich das Ohr weit leichter auf die wenigen, eben vernommenen Worte. Diese Vielspältigkeit der Deutung hat die Auslegung des HL natürlich mit der der anderen ״salomonischen“ Bücher gemein. Einheitlich ist die Auslegung der zahllosen Einzelheiten wohl insofern, als sie den religiösen Wert der Schrift herauszustellen sucht1268׳. Aber im einzelnen bleibt weiter Spielraum. Denn mag der ״Vater“, den der ״kluge“ Sohn erfreut, David oder der himmlische Vater Israels sein, — mag man die Mahnung ״früh morgens säe deine Saat“ auf die Versenkung in die Schrift, auf die Ehe, allenfalls auch auf die wirtschaftliche Arbeit be- 123 Es genügt wohl, bei Bacher, Pal. Am. II 76 ff., 270 ff., 385 ff. die Deutungen einiger besonders fruchtbarer Erklärer nachzuschlagen. 210 deutet R. Asarja auf 4 verschiedene Ereignisse: PK. 50a ff. 124 Vgl. über die ,,Stichwortpoesie* mancher Naturvölker Heinz W erner, Ursprünge der Lyrik 106, dessen! Ausdruck sich allerdings weniger durch die von ihm im folgenden gebrachten» Beispiele rechtfertigt, als durch die vorausgehendien Ausführungen über die ״komplexe Natur4* der ״in vielen Fällen mit assoziierten; Vorstellungen und Gefühlen reich beladenen4* Wörter. 125 F i e b i g, Rabb. Formgeschichte (1931) 30. Der Ausdruck ״Mosaik44 ist geschickt gewählt; denn das Fehlen eines Planes schließt einen einheit~ liehen Sinn nicht aus: s. das fgde. usnd § 4. Übrigens steht der Ignorierung des Zusammenhangs gelegentlich eine Neigung zur Verknüpfung zufällig nebeneinander stehender Einzelheiten gegenüber; auf diese z. T. sehr bekannten Erscheinungen (s. u. S. 67) kann hier nicht eingegangen werden. 126 Das für uns unübersetzbare קרא (die Wurzel von מקרא) kann im rabbinischen Schrifttum ebensogut vorn auswendigen wie vom inwendigen Vortrag eines Schriftwortes gebraucht werden: H e i n e m a n n, Phiions Bildung 19, 2. 126a Wir haben S. 14 f. angedeutet und werden § 4 noch bestimmter erkennen, daß auf die Allegoristik außer den religiös-pädagogischen Formkräften auch künstlerische wirken. Diese weisen aber der Allegorisieiung keine bestimmte Richtung und sind daher hier nicht zu berücksichtigen.