Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
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26 § 3. Allegoristik und Vorstufen. L Erzählungen 1. Grundlegend für das Denken des Midrasch ist das Streben nach ״analogischer Verknüpfung'4, d. h. nach Her- Stellung eines Zusammenhangs zwischen Tatbeständen, denen ein Merkmal (etwa eine Zahl oder auch nur ein von der Bibel gebrauchter Ausdruck) gemeinsam ist1. So entsprechen den vier Königen zu Anfang der Geschichte Gen 14 die vier Weltreiche in ihrem Verlauf GR. 42, 2 (bei Theodor 41, 2); die 5 Bücher der Thora entsprechen der fünfmaligen Erwähnung des Lichtes im Schöpfungsbericht GR. 3, 5, den 5 Brunnen Isaaks 64,8, dem fünffachen ברכי נפשי MPs. 103, 32. Nicht seiten dienen derartige Analogien zwischen Tat und Ergehen einer Person (bzw. ihrer Nachkommen) dazu, die Geltung des Satzes ,,Maß um Maß" zu erweisen, in welchem nach rabbinischer Anschauung geradezu der Schlüssel zum Verständnis der Geschichte zu erblicken ist, also zwischen scheinbar von einander unabhängigen Ereignissen einen geheimnisvollen Zusammenhang herzustellen3 4. 2. Bisweilen haben geschichtliche Ereignisse eine s y m - bolische Geltung. Der Dombusch weist nach ER. 1, 5 entweder wegen seiner Niedrigkeit auf Israel oder wegen der Wunden, die er den Vögeln schlägt, welche sich auf ihn niederlassen, auf die ägyptische Fron, die härteste von allen. 3. Vor allem aber erhalten die Schicksale der Ahnen dadurch, daß sie auf die Zukunft der Enkel bezogen werden, trotz ihrer geschichtlichen Tatsächlichkeit zugleich eine tiefere ü b e rgeschichtliche Bedeutung. Wie der heutige Wanderer in Erez Israel den Hauch der Vergangenheit spürt, der den heiligen Boden umwittert, so wirft umgekehrt das Schicksal und das geschichtliche Wissen des späten Erklärers seine Schatten in die Vergangenheit zurück; ,,zukunftsschwanger"4 stellt sich 1 Die nahe Beziehung zwischen analogischem und metaphorischem Denken hat William Stern (angeführt bei S t ä h 1 i n, Zur Psych. und Stat. der Metapher 46) mehrfach betont. 2 Weitere Beispiele für diese überaus häufige Erscheinung bei G1 a t z e r, Zur GeschichtslehFe der Tannaiten (1933) 98 ff.; vgl. auch Bacher, Term. I 124; II 86. — Der für uns befremdliche Zug, daß Ereignisse nur ihrer Zahlengleichheit wegen zusammengestellt werden (aus Nu 1484 kaum ausreichend abzuleiten), findet seine ׳Parallele im indischen Denken: Oldenberg, Vorwissenschaftliche Wissenschaft (1919) 49. 3 B. Jacob, Auge um Auge 1929; Heinemann, Phiions Bildung 363 ff. Beide gehen auf Ansatzpunkte im biblischen Denken ein; zweifellos geht aber der Midrasch weit über die Bibel hinaus. 4 Im primitiven Denken ist das Jetzt ״Charge du passe et gros de ravenir“: aus Leibniz angeführt und erläutert bei Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen II 141. Im midraschischen Denken gilt