Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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B. Hebräische Ausdrücke für uneigentliche Erklärung 21 Pitra mit der Grundbedeutung von פרש zusammen: eine unbestimmte Angabe verdeutlichen36. Ebenso wie Pitra, wird auch dies Verfahren überaus häufig geübt, wo der Kunstausdruck sich nicht findet, etwa bei der Identifizierung anonymer Personen37; es wird auch kaum zu bestreiten sein, daß die Neigung, bei einem Psalm oder einem Weisheitsspruch eine besondere Anspielung vorauszusetzen und sich um deren Auffindung zu bemühen, einem Bedürfnis nach Verdeutlichung entspringt, das, ohne eigentümlich jüdisch zu sein38, doch gerade in der jüdisehen Seele stark wurzelt und einerseits zu dem ״Kristallisierungsprozeß" der Halacha39 geführt hat, andererseits dazu, daß פירוש t. t. für jede ״Erklärung" geworden ist. Aber eben diese starke Erweiterung des Begriffes פרש ist nur dadurch möglich gewesen, daß er, seiner biblischen Grundbedeutung entsprechend, ein durchaus nüchternes Gepräge trägt, während פתר# wie seine Anwendung auf Traum, Rätsel und metaphorische Stellen beweist, der Textstelle bewußten Rätselcharakter zuschreibt und durch die Lösung des Rätsels — nicht etwa eine in den Grundzügen verständliche Stelle im einzelnen zu verdeutlichen, sondern zu der wahren Meinung des Schriftstellers vorzudringen beansprucht. Je ferner uns Heutigen eine solche Voraussetzung bewußter Rätselhaftigkeit von Psalmen, Weisheitsbüchem, aber auch einer Anzahl biblischer Erzählungen (s. o.) liegt, auf die das Wort פתר Anwendung findet, desto wichtiger ist es für den Darsteller der Eigenart des Midrasch, sich zu vergegenwärtigen, daß der alte 36 Bacher, Term. s. v.; Alb eck, Einl. zu GR. 40 mit Belegen, bei denen sich freilich schon die erweiterte Anwendung geltend macht. 37 Heller, EJ. IV 677f. 38 Verwandt ist die (von Greßmaaa RGG. I2 221 u. a. mit Allegoristik verwechseltel) Technik dies bekannten Kommentars zum ägyptisehen Totenbuch (H. Schneider, Kultur und Denken der alten Ägypter, 1909, 330ff.; Erman-Ranke, Ägypten und ägyptisches Leben im Alter« tum 1923, 392 ff.), wo etwa als ״der Name des groben. Gottes44 Osiris oder Re oder dessen Phallus bezeichnet und Atum sein Ort ״auf dem Himmelsozean“ angewiesen wird. Entsprechendes im Islam: Goldziher, Riehtungen der Koranauslegung 289 ff. Aber natürlich gehören, auch neuere Ver« suche, anonyme Anspielungen zu bestimmen (Beziehung von Fs 45 auf Achab), hierher. 39 Ich denke an Bialiks bekannten Aufsatz über Aggada und Halacha, der freilich bei Aggada mehr die ethische als die erklärende im Auge hat und daher an den Kristallisationserscheinungen im aggadischen Mi• drasch vorübergeht, obwohl gerade an ihnen die von ihm veranschaulichte Verwandtschaft beider Schöpfungen des jüdischen Volksgeistes deutlieh wird.