Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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10 § 1. Begriffliches leben weiter in der Kunst, deren ״spezifische Jugendlichkeit sich in der Fühlsamkeit für das geheime Wesen der Dinge bewährt", die daher am ״ewigen Lebensrecht der Metapher" und der aus ihr stammenden Erscheinungen festhält18. Und was nicht nur das kühn gehobene Wort, sondern auch die symbolische Tat in lebendigen Religionen bedeutet, bedarf nicht der Ausführung. Gewiß sind bei der Bewältigung einer größeren Stoffmasse, wie sie eine ausgeführte Allegorese fordert, rationale Kräfte beteiligt, die dem Primitiven noch fehlen — so gut wie beim echten Kunstwerk und bei den höheren Religionen; aber hier wie dort weisen sie nur tiefmenschlichen irrationalen Antrieben die Bahn. — Wir werden bei der Erklärung der Allegoristik (zumal § 4) hierauf zurückkommen. B. Die Allegorese der Schriftsteller führt zu der Möglichkeit eines zweifachen Mißverständnisses beim Erklärer. Er kann allegorisch gemeinte Darstellungen wörtlich und wörtlich gemeinte allegorisch nehmen. Im allgemeinen wird er dazu neigen, eine Darstellung erst dann allegorisch aufzufassen, wenn ihm der Wortsinn unmöglich erscheint. Nun ist natürlich diese ״Unmöglichkeit" ein relativer Begriff. Es gibt Dinge, die an sich unmöglich sind, an die aber manche Erzähler geglaubt haben. Und umgekehrt: es gibt Dinge, die alltäglich Vorkommen, aber eben deshalb von einem bedeutenden Schriftsteller nicht erzählt worden sein können. Niemand wird glauben, daß Schiller im ״Mädchen aus der Fremde" nur von einer jungen Philanthropin hat sprechen wollen19. Daher bleibt der Wissenschaft nur die Aufgabe, von Fall zu Fall festzustellen, ob der Wortsinn vom Standpunkte des Schriftstellers aus eine Unmöglichkeit oder eine untragbare Trivialität enthält. Dagegen tritt in der nichtwissenschaftlichen Exegese bisweilen eine grundsätzliche Neigung zur Allegorisierung 18 Nach F. Kaufmann, Sprache als Schöpfung“ (aus: Zeitschrift für Aesthetik und allg. Kunstwiss. XXVIII 1934) S. 11 f. des Sonderdrucks. Es folgt: ״Sie (die künstlerisch-ästhetische Lebenshaltung) wahrt eine innere Nähe zu Denk- und Lebensformen, deren Macht als Regulative des praktischen (füge hinzu: und wissenschaftlichen) Lebens heute zumeist entstellt und verdeckt ist“. Daran schließt sich die Abgrenzung des Verhältnisses von primitiver und ästhetischer Lebendigkeit und von Kunst und Magie. Auch in Pongs״ großem Werke tritt die Erhaltung metaphorischer, aber auch magischer Kräfte in der Kirnst ständig hervor; vgl. auch Stähl in 58 ff•; 69 ff. 19 Daher kann ich M. Guttmann nicht beistimmen, wenn er בחינת 57 קיום המציית glaubt, echte Allegoristik gebe es nur bei wirklicher oder scheinbarer Undenkbarkeit des Wortsinnes, wie bei Mythen.