Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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A. Allegorese 9 Tanna M. Sota VIII 5 diese Vorschrift auf Leute bezieht, die wegen ihrer Sünden ein schlechtes Gewissen haben, so wird nur eine Metapher angenommen, da die buchstäbliche Geltung der Gesamt Vorschrift imberührt bleibt. Wenn dagegen Philon, z. B. Agr. 157, wegen solcher Schwierigkeiten das ganze Gesetz gar nicht auf einen Krieg, sondern auf ein seelisches Ringen bezieht, also der ganzen Stelle ihren wahren Charakter nimmt, so liegt offenbar ein ganz anderes Verfahren vor; es empfiehlt sich, die Bezeichnung ״allegorisch"4 (bzw. ״allegoristisch44: s. u.) auf solche völlige Aufhebung des Wortsinns eines größeren Sinnganzen zu beschränken12. Gewiß sind aber die Grenzen zwischen Metapher und Allegorie, zumal bei kleineren Ganzen wie Sinnsprüchen, flüssig. Und unverkennbar entspringen Metaphorik und auch Symbolik jener Freude am Geheimnisvollen, die sich in der Allegorese zeigt. Wir werden daher beide zwar nicht der Allegorese gleichsetzen, aber als deren Vorstufen, soweit erforderlich, in den Kreis unserer Betrachtung einschließen. Solche Freude am Geheimnis geht in die ältesten Zeiten der Kultur zurück. Dem Primitiven liegt die mittelbare, rätselvolle Mitteilung näher als die unmittelbare13. Die Fähigkeit ernsthafter Gleichsetzung des Ungleichen, wie sie zumal zur Metapher führt, ist in ihm noch lebendig14; das Rätsel gilt ihm als etwas Hohes, ja, Heiliges15; symbolische Handlungen, deren Vorstufen man bis ins Tierreich hat zurückverfolgen wollen16, sind bei dem weit sinnlicheren Menschen der Urzeit beliebt und geschätzt. Alle diese Formen hat die Technik und die Wissenschaft, die beide das Klare und Eindeutige erstreben — daher den Vergleich, nicht aber die Metapher lieben — zurückgedrängt17 oder doch entwertet. Aber jene urtümlichen Triebe 12 Bisweilen beruht die Allegoristik sogar auf der Verkennung einer Metapher. Justin faßt das ״Trauben~BIut“ Gen 491ג wörtlich — und muß (oder kann) daher den Vers auf das sühnende Blut Jesu beziehen: Bittlinger, Die Materialisierung religiöser Vorstellungen 1905, 107 mit weiteren Beispielen; vgl. auch unten § 3 II C und! IV B 1. 13 Heinz Werner, Ursprünge der Metapher (1919) 94ff. 14 Heinz Werner, Ursprünge der Lyrik (1924) 50f. 15 Torczyner, HUCA I 125 ff.; W. Schultz RE, Alt. I A 65ff.; J o 11 e s, Einfache Formen, 1929, 126 ff. 16 Katzen schütteln die Pfoten bei Begegnung mit einer ihnen unangenehmen Person; zur Auffassung Werner, Metapher 9; Lyrik 44; B u y t e n d i J k, Das Spiel von Mensch und Tier (1934) 56; 95, 17 Vgl. Pongs 14 über dfen Kampf d'es Rationalismus gegen die Metapher. ז f