Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1935
- Date
- 1935-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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6 § 1• Begriffliches A. Wir reden, zunächst von der Allegorese des Schriftstellers (unter B von der Allegoristik des Erklärers). Ich kann einen Aussagegegenstand A entweder durch unmittelbare Aussagen über ihn veranschaulichen oder durch Heranziehung eines anderen Gegenstandes (Vergleichsgegen- Standes) V. 1. Dieser Gegenstand V braucht nicht notwendig von A völlig verschieden zu sein. Ist A eine Regel, so kann V innerhalb ihres Geltungsbereichs liegen (V ist dann Beispiel; ahnlieh verhält es sich bei der Tendenzdichtung). Umgekehrt: ist A ein Einzelfall oder ein Einzelgegenstand, so kann V der allgemeinere Bestand sein, dem A zugehört. So denkt Jes 412 bei den Worten ״wer hat ihn vom Osten her erweckt" an Kyros; der Ausdruck ist aber so allgemein, daß ihn Targum und Midrasch bekanntlich auf Abraham beziehen. Gewisse Wendungen Antonios in Goethes Tasso II 3 sind allgemein gehalten und daher nicht an sich verletzend, aber nur auf den Dichter gemünzt und enthalten daher eine bittere Kränkung. Solche allgemeine Wendüngen tragen Rätselcharakter wie die Allegorien: s. u. S. 8. 2. Liegt V außerhalb A, so kann (a) nur die Ähnlichkeit, (b) die Identität beider behauptet werden. a) Der Hinweis auf die Ähnlichkeit kann ganz kurz ausfallen (etwa: Gott hütet Josef wie Schafe) oder in ausführlichen Vergleichen (auch mit Betonung der Unterschiede) erfolgen. Dabei macht es nicht viel aus, ob der zum Vergleich herangezogene Tatbestand V der Natur, der Geschichte oder der Sage angehört, vielleicht sogar eigens zum Verständnis von A frei erfunden ist. Einen nicht deutlich ausgesprochenen Vergleich enthält die Sentenz. Jer 2328 ״was hat das Stroh mit dem Getreide zu tun", Spr 2627 und Par. ״wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" wird A überhaupt nicht genannt; in vielen Fällen wird es parataktisch, ohne Ausdruck des Vergleiches, hinzugefügt (Jer 1323 ״verändert der Mohr seine Haut, der Panther seine Flecken? So vermöchtet auch ihr Gutes zu tun"). b) Während die vergleichenden Redeformen (deren Einzelarten uns nicht beschäftigen) nur wahrheitsgemäß das Vorhandensein einer Ähnlichkeit behaupten, enthält die Gleich- Setzung verwandter, jedoch nicht identischer Begriffe4 eine gewisse Kühnheit, soweit wir uns ihrer bewußt werden. Letz- 4 Auf die Metonymie (Gleichsetzung auf Grund äußerer Beziehung, wie Haus für Familie) brauchen wir nicht einzugehen.