Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1934
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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10 Das Gedächtnis an den größten neuzeitlichen hebräischen Dichter Chaim Nachm an Bialik wurde im Seminar durch eine in der Seminarsynagoge am 17. Juli 1934 veranstaltete Trauerfeier geehrt, an der Kuratorium, Dozentenkollegium und Hörerschaft, sowie die Vertreter der jüdischen Gemeindekörperschaften und Organisationen teilnahmen. Die Gedenkrede hielt der Unterzeichnete. Nach Übernahme des Seminarrabbineramtes durch den Unterzeichneten erwies sich die Berufung eines neuen Dozenten für die bisher von dem Unterzeichneten vertretenen Disziplinen, Bibelwissenschaft und Geschichte der biblischen Zeit, als notwendig. Das Kuratorium folgte dem Vorschlag des Dozentenkollegiums und berief Herrn Dr. Heinrich Speyer in das frei gewordene Amt als ordentlichen Dozenten1. Die offizielle Einführung, bei welcher Herr Kurator Rechtsanwalt Kober namens des Kuratoriums und der Unterzeichnete im Aufträge des Dozentenkollegiums an den neuen Dozenten herzliche Worte der Begrüßung richteten, fand am 23. Februar 1934 statt. In seiner Antwort führte Herr Dozent Dr. Speyer folgendes aus: ״Wenn ich von dieser SteUe aus meinen Dank ausspreche für das große Vertrauen, das Sie in mich gesetzt haben, indem Sie mich auf den Lehrstuhl für Bibelexegese und alte jüdische Geschichte an das jüdischtheologische Seminar berufen haben, so möchte ich dies mit den Worten der Schrift tun, die uns am morgigen Sabbat, dem ״Sabbat des Gedenkens“, ein זכור zuruft. Wir Juden sind ja das Volk des ewigen Gedenkens. Die Alten unserer Vorzeit, mit ihrem Wirken, Streiten und Leiden, stehen heute lebendig, wie zu ihren Lebzeiten vor uns und mahnen: Erinnere Dich! Und was von dem lebensumspannenden Judentum güt, gilt auch von jeder seiner Institutionen, die dem Bestand des Judentums in der Welt dienen wollen. Das Breslauer jüdisch-theologische Seminar ist zu einer Zeit gegründet worden, in der das westeuropäische Judentum durch den Zusammenprall mit der europäischen Kultur gefährdet war. Da waren es Zacharias Frankel und seine großen Mitarbeiter, die, wie einst Ahron standen, ״zwischen den Lebenden und den Toten, und es ward die Seuche gebannt“. Mehr denn jemals ist heute der Standpunkt Frankels und Grätzens, das Bekenntnis zum positiv-historischen Judentum, der Wegweiser für die Aufbauarbeit unseres Volkes: Sich als historische 1 Heinrich Speyer, geboren 1. Juli 1897 zu Frankfurt am Main, besuchte die Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft und dann das Goethegymnasium, das er 1916 mit dem Zeugnis der Reife verließ, studierte semitische Sprachen, Geschichte und Philosophie in Frankfurt und Berlin und promovierte in Frankfurt mit dem ersten Teü einer großangelegt gedachten Arbeit über ״die biblischen Erzählungen im Koran“. Auf Grund der eingereichten Dissertation wurde er von seinem Lehrer Prof. Dr. Josef Horovitz als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Akademie für die Wissenschaft des Judentums empfohlen, in deren Aufträge er das seit Abraham Geiger nicht mehr in Angriff genommene Thema im Verlaufe mehrerer Jahre fertigstellte. Vergl. dazu Speyer: ״Von den biblischen Erzählungen im Koran“ (Korrespondenzblatt der Akad. f. d. Wiss. d. Jdts., 1923/24, p. 7 ff.). 1923—24 übernahm H. Speyer die Leitung eines hebr. Gymnasiums in Litauen und wirkte dann von 1925—1933 am Jüdischen Reformrealgymnasium zu Breslau.