Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
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48 lebendige religiöse Leben in konfessioneller Bestimmtheit sich entfaltet; 2. faßt Natorp die Aufgabe der auf der Grundschule zu errichtenden höheren und gewerblichen Schulen zu eng, wenn er ihnen lediglich die Aufgabe beruflicher Vorbildung zuweist, während die Grundschule die Aufgabe menschheitlicher Bildung zu vertreten habe. Nicht allein würde dadurch die menschheitliche Bildung im Gegensatz zu Natorps eigenen Piinzipien nur die Grundschule, nicht die höheren Schulen durchdringen, sondern würde damit auch die kulturelle Bedeutung grade der differenzierten Bildung unberücksichtigt bleiben. Zu den wichtigsten Einsichten der modernen Pädagogik gehört grade die Erkenntnis, daß Menschheitsbildung nicht in der unbestimmten Weite eines dilettantischen Universalismus, sondern vom Fundament einer speziellen Berufsbildung begründet werden muß, so daß Berufsbildung selbst Menschheitsbildung ist. Dann aber wird der Lehrplan nicht allein der Grundschule, sondern ebenso der höheren Schulen und der gewerblichen Schulen diese kulturelle Aufgabe der Berufsbildung zu berücksichtigen haben. Die kulturelle Erziehung der Jugend sieht Natorp im wesentliehen durch eine intensive intellektuelle Bildung verbürgt, die die Beherrschung des Trieblebens durch die vernünftige Einsicht sichern soll. Darum fallen den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern für Natorp die Zentralstellung im Unterricht zu, die durch einen rationalen Geschichtsunterricht und eine Einführung in die philosophische Ethik zu ergänzen seien. Hier zeigt sich der Rationalismus, der das ganze System des Neukantianismus durchdringt, auch die Pädagogik beherrschend. Bei aller Bedeutung, die dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht, dem rationalen Geschichtsunterricht und der philosophischen Ethik nicht allein für die Bildung des Intellekts, sondern auch für die Festigung des Charakters und für die beruflich differenzierte Menschheitsbildung zukommt, darf doch die Bedeutung der kulturkundlichen Fächer in ihrer nationalen geschiehtliehen Bestimmtheit für die nationale Erziehung nicht übersehen werden. Der seelische Gehalt dieser Unterrichtsfächer aber erschließt sich nicht dem Intellekt, sondern dem Fühlen und Wollen. Auch hier zeigt sich der Rationalismus des neukantischen Systems nachteilig für eine pädagogische Würdigung derjenigen Fächer, die allein von den irrationalen Kräften der Seele erfaßt werden können. Notwendigerweise verschließt sich daher dem Rationalismus des neukantischen Systems das Verständnis für die Eigenart der