Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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23 und Geschichtswissenschaft die beiden Hauptgebiete des Unterrichts und die Unterordnung des ersteren unter das letztere festzustellen, sondern muß auch auf beiden Gebieten die Auswahl getroffen werden, die den Zögling nicht in Vielwisserei versinken läßt, sondern ihn befähigt, eine lebendige Stellungnahme zur Umwelt zu gewinnen, um mit ihr im Dienste der sittlichen Aufgäbe zu leben und zu arbeiten. So erhält die Gestaltung der Lehrpläne eine zentrale pädagogische Bedeutung. Für diese muß nun ein doppelter Gesichtspunkt maßgebend sein: Einmal die seit Pestalozzi anerkannte Notwendigkeit, den Unterrichtsstoff nicht allein der Fassungskraft des Zöglings entsprechend, sondern geradezu die organische Entwicklung der psychischen Fähigkeiten anregend und befördernd zu wählen. Außer diesem psychologischen und formalen Gesichtspunkt muß das materiale Ziel der Erziehung ins Auge gefaßt werden, den Zögling zum lebendigen Verständnis und zur Mitarbeit an der Kultur der Gegenwart zu bilden. Da aber die Gegenwart nur aus ihrem Gewordensein verstanden werden kann, ist also eine solche Auswahl der Bildungsstoffe zu treffen, die den Zögling den Werdegang der menschlichen Kultur erkennen läßt. Der psychologische Gesichtspunkt erfordert demnach eine Auswahl des Stoffes nach den wachsenden Kräften des Individuums, der kulturelle Gesichtspunkt eine solche nach den charakteristischen Stufen in der kulturellen Entwicklung der Menschheit. Das Individuum durchläuft seine intellektuelle Entwicklung vom Vorwalten der Phantasie in der frühen Kindheit, dem Erstarken des Gedächtnisses auf der Mittelstufe zur Bildung des Denkens in der reiferen Jugend. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit geht von einem mythischen Stadium zur historischen und zuletzt einer philosophischen Anschauungsweise, so daß Dichter, Historiker und Denker den Fortgang bezeichnen. Dieser theoretischen Ent- Wicklung entspricht in praktischer Hinsicht bei der Entwicklung des Individuums Gebundenheit an eine fremde Autorität, freie Bewegung unter der Herrschaft des Gesetzes und Selbstgesetzgebung unter Ideen. Die entsprechenden Entwicklungsstufen eines Volkes sind: patriarchalisch geordneter, gesetzlich geordneter und autonom geordneter Zustand der Gesellschaft. (Vogt bei W. Rein: Pädag. II, S. 239.) Dieser Parallelismus der Entwicklung des Individuums und der Menschheit ermöglicht die gleichzeitige Berücksichtigung der individuellen und menschheitlichen Entwicklung. Der Zweck des