Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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19 der praktischen Vernunft und der Liebe, die sich tür den Menschen verpflichtet fühlt, nicht nur sofern und soweit er bildungsfähig ist, sondern auch, wenn er das nicht ist. Darum ist die Erziehung für das Christentum wichtiger als Bildung. Die praktische Vernunft hat den Primat/‘ (Delekat: Pestalozzi, S. 310 ff.) Es ist zweifellos, daß auch im Judentum der Gegensatz zwischen Offenbarung und Erkenntnis, theozentrischer und anthropozentrischer Stellung zur Welt nie zur Ruhe gekommen ist, so gewiß die Herrschaft Gottes über die Welt, über die Völker und insbesondere über das jüdische Volk das jüdische Gottesbewußtsein bestimmt. Und dennoch hat die Spannung zwischen Glauben und Vernunft im Judentum nicht zur skeptischen Verneinung der Gesetzlichkeit der Welt und der Erkenntnis Gottes aus seinen Werken geführt. Wohl steht im Mittelpunkt des Judentums nicht die Erkenntnis der Natur, sondern die Erwartung des Reiches Gottes und die Verpflichtung, Mit-Schöpfer am Reiche Gottes zu sein. Aber ebenso gewiß ist, daß Gott seine Erhabenheit auch aus der Schönheit seiner Schöpfung hervorstrahlen läßt. So kann und soll das Judentum sein Ideal der Frömmigkeit, des Gehorsams gegen Gott, der Liebe und des Vertrauens auf ihn mit dem Ideal der harmonischen Entfaltung der Kräfte menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens, der Kalokagathie verbinden. Und dennoch bedarf die Pädagogik Pestalozzis einer grundsätzlichen Berichtigung. Trotz aller tiefgreifenden Übereinstimmung aller Menschen im Wesen der Menschennatur hat grade Pestalozzi alle Erziehung an die individuelle Lage der zu Erziehenden anzuknüpfen gelehrt. Zu dieser individuellen Lage gehört vor allem die geschichtliche Bestimmtheit des Menschen durch die Individualität des Volkes, dem er angehört. Insbesondere hat Herder die Individualität aller menschlichen Kultur erkannt, die sich aus der geschichtlichen Verschiedenheit der Völker ergibt. Wie das Elternhaus in der Individualität des dieses bildenden Personenkreises die Erziehung des Kindes bestimmt, so ist es Ziel der Erziehung, das Kind als Kind seines Volkes zum Menschen zu bilden. Neben Elternhaus und Natur tritt daher als sie beide umfassendes Ganze das Volk, dessen Glieder die Eltern sind und dessen Boden die Heimat ist, in welcher das Kind zuerst die Schönheit der Welt und die Herrlichkeit Gottes erfährt. Die Geschichte seines Volkes, seine geistigen Schöpfungen müssen daher in fortschreitender Klarheit zum seelischen Besitz des Kindes werden. Nationalismus und Humanismus in der Erziehung