Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1933
- Date
- 1933-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2721061--24-2727400- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
13 vor die Sinne zu bringen, als es nur immer möglich ist. Schon an der Wiege des unmündigen Kindes muß man anfangen, die Führung unseres Geschlechtes der blinden, spielenden Natur zu entreißen und sie in die Hand der besseren Kunst zu legen. Du mußt die Gesetze der Natur von ihrem Gange, das ist von ihren einzelnen Wirkungen sondern; in Rücksicht auf ihre Gesetze ist sie ewige Wahrheit, aber in Rücksicht auf die Modifikationen, in welchen die Anwendungen ihrer Gesetze auf jedes Individuum und auf jeden Einzelfall stattfinden, ist ihre Wahrheit nicht befriedigend. Nicht also Häufung einzelner Anschauungen, sondern Erkenntnis der Gesetze, die die angeschauten Gegenstände verbinden, ist Sinn und Ziel der anschaulichen Erkenntn i s. Dieser anschaulichen Erkenntnis dient die Mathematik, auf welche Pestalozzi darum so hohen pädagogischen Wert legt. Es kommt gar nicht darauf an, daß die Kinder eine gewisse jongleurhafte Fertigkeit im Operieren mit Zahlen erreichen. Sie sollen vielmehr ,,das geistige Wesen der Zahl“ in sich aufnehmen. Daß die Dinge der Welt zu einander im Verhältnis ״des mehr oder minder“ stehen, sollen sie begreifen. Zuzählen und abziehen sind deshalb die mathematischen Grundoperationen, von denen auszugehen ist. Alle anderen Rechnungsarten muß das Kind von da aus als aus der ursprünglichen mathematischen Ordnung der Welt heraus sich selber entwickeln. Sie sind nämlich nur Verkürzungen der mathematischen Grundform des ״mehr oder minder“ alles dessen, was in der Welt zu einander im Verhältnis der Zählbarkeit steht. (Delekat: Pestalozzi S. 275.) Ähnlich steht es mit dem Zeichnen. Auch hier handelt es sich nicht um das Nachbilden bestimmter Formen, sondern um die Reifung des Gefühls für Raumverhältnisse. Das Kind soll lernen, die ursprünglichen Formen der Raumverhältnisse in die wirkliche Welt hinein zu sehen, die ja nie ganz genaue zeichnerische, geschweige geometrische Formen hat, aber doch durch sie unterscheidbar ist. Dies ist eine neue Anwendung der alten griechischen Lehre, daß das Wesen des Kosmos sich in Zahl und Maß offenbare. Und auch in der Sprache wird der Schall zum bestimmten Worte und durch das bestimmte Wort allmählich zur Sprache. Die Natur brauchte Jahrtausende, um unser Geschlecht zur vollendeten Sprachkunst zu erheben, und wir lernen jetzt dieses Kunststück in wenigen Monaten; aber dennoch müssen wir den Weg gehen, den die Natur mit dem Menschengeschlechte ging. Und sie ging auch hier notwendig von Anschauung aus. Schon