Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1932
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2721063--82-2727366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
53 3. Bei der Offenbarung am Berge Sinai hat Israel nach der Überlieferung324 die ersten zwei Gebote von Gott selbst gehört. Somit müßte das ganze Volk die höchste Stufe der Prophetie, die Mose erreicht, erklommen haben. Dies ist aber ausgeschlossen, da es doch keinen Propheten gleich Mose gab. Daher meint RDbS, daß jene Prophetie des ganzen Volkes bloß eine zeitweilige war, die bloß jene Stunde lang dauerte. Eine ähnliche Erscheinung finden wir bei Leuten, die keine Propheten sind und trotzdem Engel sehen325. Dies heißt in der Kabbala נלוי עינים. Daher konnten die Israeliten, die zwar keine Propheten wie Mose waren, aus dem Munde Gottes Ex 202,3 hören, genau wie sie das Donnern הקולות (Ex 2015) sahen, was nach dem Menschenverstand gar nicht begreiflich ist: das Hörbare zu sehen. Denn הקול hat in der Luft Formen angenommen, so daß man ihn sah. Die übrigen Gebote haben die Kinder Israel in der Weise verncjpmen, daß der Ewige zu Mose sprach, der das Gesprochene dem Volke erklärte326. 4. Es gibt viele Verheißungen, die nicht in Erfüllung gingen. Welches Kriterium gibt es nun, einen wahren Propheten von einem falschen, dessen Weissagungen sich auch nicht bewahrheiten, zu unterscheiden? RDbS sagt: ״Nach der Auffassung der älteren Autoren kann selbst eine bedingte Verheißung nicht rückgängig gemacht werden. Nur infolge von begangenen Sünden kann eine Verzögerung des Eintreffens erfolgen (vgl. Nachmanides zu Ex 1242). . . Falls aber eine Prophezeiung, die Böses ankündigt, nicht eintrifft, so kann der falsche Prophet dadurch nicht entlarvt werden, da Gott von seiner bösen Absicht zurückgetreten ist. Dies ist richtig. Nur meine ich, es muß noch eine Bedingung hinzukommen: Die Prophetie muß eine Mehrheit betreffen. Bei einer auf Viele sich beziehenden Verheißung kann der wahre Prophet vom falschen unterschieden werden (da sie nicht rückgängig gemacht werden kann). Denn falls sie sich auf einen einzelnen bezieht und nicht eintrifft, so kann letzterer Umstand begangenen Sünden zugeschrieben werden. . . Ferner ist noch eine andere Bedingung daran geknüpft: der, auf welchen sich jene Prophetie bezieht, muß in seinem Orte zu Hause bleiben, setzt er sich aber einer Gefahr aus, so trägt er selbst die Verantwortung, wenn gerade das Gegenteil davon eintrifft. Ein Beispiel dafür ist König Josia (II Reg 2230, 2329, II Chr. 3428, 3523). Es verhält sich genau so wie mit einem, über welchen Leben beschlossen wurde, der aber in den Krieg zieht oder sich in eine Gefahr begibt oder ins Meer wirft. Auf einen solchen oder ähnlichen bezieht sich der Ausspruch ״Mancher wird weggerafft ohne Recht“ (Prov 132a). Obwohl der Ewige alles im voraus weiß, hat er doch dem Menschen die Willensfreiheit gegeben, der alles, was ihm beliebt, tun kann. Denn Sein Wissen beeinträchtigt unser Tun nicht. 324 Vgl. Mechilta des R. Simon b. Jochai zu Ex 1925 ed. Hoffmann S. 102, Horajoth 8a und Makkoth 24a. 325 Vgl. dazu מצודת דוד N. 2 S. Id oben:ודע^שכל1מלאךומלאך יש לו דיוקן רוחני מאד ובו יובדל ויוכר מחבירו עומד ומשמש לפני בוראו וכשמשתלחין בשליחות למטה לובשים מלבוש שאינו דק ורוחני כמו הראשון ולפי' יושגו לזכי העיניים בהקיץ• Vgl. auch das. N. 24, 202. Zu den Engeln vgl. noch das. N. 85, 399 und Migdal David S. 20c, 67d, 78b f. 326 N. 817. Vgl. Magen David S. 22a und Migdal David S. 26d, 38b. Vgl. auch Mechilta Jethro IX Anf. (ed. Horovitz-Rabin S. 235) und Raschi zu Ex 20lß.