Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 161)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2721055--160-2727106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
158 § 5. Sonstige Religionsgesetze rituellen1 Sinne, den wir bereits von den Pythagoreern her kennen2. Dagegen mußte * das philosophisch, gebildete Judentum der Diaspora die stark angefochtenen3 Speisegesetze apologetisch zu rechtfertigen suchen; und diese Aufgabe mußte umso schwerer fallen, da der Rationalismus, mit dessen Hilfe man allgemein den Kampf gegen das Heidentum führte, zweifellos der naiven Empfindung der ״Unreinheit“ nicht günstig war. Daher verteidigt bereits das IV. Makkabäerbu ck 51e ff. die Speisegesetze in sehr lehrreicher Weise. ״Wir, die wir überzeugt sind, eine göttliche Rechtsordnung zu haben4, kennen keinen stärkeren Zwang, als den zum Gehorsam gegen dies Gesetz— Allein auch wenn das Gesetz, wie du glaubst, nicht göttlich wäre und nur wir an seine Göttlichkeit glaubten, auch dann wäre es uns nicht erlaubt, gegen unsere Ansicht über Frömmigkeit zu verstoßen.“ Offensichtlich ist die Begründung mit Hilfe des Offenbarungsglaubens aus dem rein jüdischen Denken, in welchem der Verfasser viel tiefer wurzelt als Philon5, übernommen worden, jedoch unter dem Einfluß der Stoa dahin umgewandelt worden, daß nicht sowohl der objektive Wert des Gehorsams gegen Gott betont, als vielmehr der Nachdruck auf die innere Folgerichtigkeit des Handelnden gelegt wird: auch wer diesen Glauben bestreitet, muß ן von demjenigen, der ihn teilt, die Befolgung dieser Gebote erwarten oder mindestens bei ihm dulden. Eine solche individualistische Auffassung des Gebotes, ״der Natur zu folgen“, in dem Sinne, daß wir 1 Vgl. Dan 18, Matth 15u, Sifra zu Lev 11 Ende (über den komplexen Sinn des dort gebrauchten פרוש Moore, Judaism I 61) und namentlich die Boraita Joma 39a, die an die defektive Schreibung des Wortes ונטמתם Lev 1143 ihr werdet euch verunreinigen (in der Zusammenfassung der Speisegesetze) die Bemerkung knüpft: הסבירה מטמטמת לבי של אדם (die Sünde verstopft das Herz). Daß im Zusammenhang zunächst an die Gesetze über Kriechtiere gedacht ist (s. vor. Anm.), ist wohl unerheblich. 2 S. o. S. 70 f. Den Einfluß der pythagoreischen Gesetze auf Empedokles bespricht jetzt Wilamowitz SBA 1929, 655. 3 Heinemann RE Supplement V 20, 41 ff. 4 Die Stelle ist in Deissmanns Uebersetzung stark mißverstanden. 5 Heinemann RE XIV 804 f.