Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 160)
- Language
- German
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Speisegesetze, Auffassung 157 dings für Babylonien noch aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert bezeugt sind (Chullin 110a), so hell beleuchtet diese Einzelheit die Tatsache, daß er das jüdische Religionsgesetz in der Hauptsache nur aus der Praxis kennt und von rabbinischer Schriftauslegung keine Ahnung hat. Von den nachbiblischen Verschärfungen der Speisegesetze, die wir z. T. bereits aus dem Buche Judith 105 kennen, verrät Philon, wie zu erwarten, keine Kenntnis. Wie die Darstellung der Speisegesetze, so ist auch ihre Begründung bei Philon allem Anschein nach unabhängig von der rabbinischen. Die Rabbinen scheinen wenig Anlaß gefühlt zu haben, über die Gründe der Speisegesetze nachzudenken; daß z. B. das Verbot des Schweinefleisches nicht zu denen gehört, die, ״stünden sie nicht in der Thora, gegeben werden müßten“, erkannte man ruhig an1; aber man wird auch von dieser Vorschrift denselben Gedanken haben gelten lassen wie von derjenigen der rituellen Schlachtung: ״Was kann Gott daran liegen, ob jemand vom Halse oder vom Nacken aus schlachtet? Vielmehr sind die Gebote nur gegeben, um die Menschen zu läutern“2. Ob man genauer über den Zusammenhang zwischen dem Gebot und seiner ״läuternden“ Wirkung nachgedacht hat, ist uns nicht überliefert,• wiewohl man an physiologische Folgen einzelner Speisegesetze glaubte3; man empfand den Genuß der verbotenen Speisen sicher als eine ״Verunreinigung“ in jenem komplexen ethisch- 1 Sifra zu Lev 184, eingehend besprochen bei Wohlgemtjth, das jüdische Religionsgesetz in jüdischer Beleuchtung II 1 ff. 2 Ber. rabba 44, 1; der durchaus überzeugenden Behandlung bei Wohlgemuth 33 ist nur hinzuzufügen, daß sie mit den oben S. 52 ff. besprochenen Stellen zusammengehört, nach denen die Gesetze gleichfalls nicht um Gottes, sondern um der Menschen willen gegeben sind. 3 Allerdings ist Ab. zara 31b; Sabbat 86b; 145b; Nidda 34b nur von der Wirkung des Genusses der verbotenen Kriechtiere die Rede; hier ist natürlich mit Einflüssen der Volksmedizin zu rechnen.