Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 151)
- Language
- German
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148 § 4. B. 2. Jüdisches und Griechisches in der Festdeutung auch die Umdeutung der Feste konnte in ihrem Grundgedanken an beste jüdische Ueberlieferungen anknüpfen. Der Versuch, die Naivetät volkstümlicher Festfeiern zu überwinden, ist bereits prophetisch; der Gott Jesajas 114 — um nur eines anzuführen — ״haßt Neumonde und Feste“, wie sie meist begangen werden; er fordert einen Fasttag, an dem man ״dem Hungrigen sein Brot bricht“ (587), erwartet also nicht nur jene Auswirkung der Feiertagsgesinnung am Werktag, sondern jenen sozialen Gerechtigkeitssinn, den unsere Kyniker mit Recht in der deuteronomischen Fassung des Sabbatgebotes zu fühlen glaubten, und verdammt die Euxustorheiten der Mode (318ff.). Mögen also jene jüdischen Hellenisten bewußt an Bibelstellen angeknüpft haben oder mag in ihnen nur unterbewußt das soziale Ethos der Propheten wirksam gewesen sein, jedenfalls mußte der Gegensatz des jüdischen Eebens, in dem sie ja standen, zum hellenischen, — mußte der Ernst des alljährlichen Fasttages und die allwöchentliche Arbeitsruhe der Sklaven1 ihnen den viel schlichteren und sozialeren Charakter jüdischer Feier derart verdeutlichen, daß die Botschaft des Kynikers von dem durch Euxus und Unrecht verlorenen, durch Einfachheit und Reinheit zunächst zeitweise, dann für immer herzustellenden Erdenglück in ihnen den Mitklang ihres jüdischen Gefühles wecken mußte. Ueberdies aber mußte die Einseitigkeit, mit der gerade der Kynismus das Griechische gegenüber dem Fremden herabsetzte2, unsere jüdischen Kyniker durchaus in dem Gefühle bestärken, eben als Nichthellenen die Kritik der hellenischen Ueberkultur führen und die Rückkehr zu ״barbarischer“ Schlichtheit fordern zu müssen. Und wenn Gelehrte unserer Zeit in kynisch-stoischen Angriffen auf hellenisches Selbstgefühl und hellenische Ueberkultur irrig Früchte jüdischen Geistes sahen3, so 1 Man erinnere sich zum Vergleich nur an die ״verzwickte Kasuistik“, mit welcher die Römer die Bestimmungen über die Feiertagsruhe umgingen: Wissowa, Rel. der Römer 2 441. 2 Vgl. Diogenesbrief 28; dazu Capelle, De Cynicorum epistulis 25 ff. 3 Ich denke an Berkays’ (und Pfleiderers) Versuche, einige Heraklitbriefe und den 28. Diogenesbrief jüdischen Verfassern beizulegen; vgl. da-