Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 150)
- Language
- German
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Kynische Quelle 147 macht tun so weniger einen grundsätzlichen Unterschied, da der streng wissenschaftliche Einschlag ihrer Lebensanschauung offenbar gering ist. Aber es ist überhaupt fraglich, ob sie unmittelbare Forderungen erhoben oder in den Gesetzen des Moses, wie sie sie auffaßten, eine jener Idealpolitien gesehen haben, an welchen das griechische und das hellenistische Denken seine sittlichen und politischen Ideale zu veranschaulichen liebte. Ist doch Phiions eigene Darstellung, wie noch zu zeigen sein wird, kaum anders zu beurteilen. Allein wie dem sei — in jedem Falle stellt sich für diese jüdischen Kyniker die Frage nach dem Zusammenwirken ihrer griechischen und jüdischen Bildung. Und hält man neben die Schilderung des brausenden Festjubels anläßlich der Feier des Wasserschöpfens (M. Sukka V) oder neben die Genugtuung frommer, schriftgelehrter Kreise über die Erfüllung der Festpflicht in liebendem Gehorsam, wie sie immer wieder aus Gebeten und Vorschriften des mischnisch-talmudischen und des mittelalterlichen Judentums spricht, diese Lehre, daß der gebotene Feiertag nur den wahren Feiertag, den Alltag, vorbereiten soll durch Erziehung zu sozialer Gesinnung und schlichter Lebensführung, so mag es freilich scheinen, als haben sie blühendes Leben eingetauscht gegen ein graues Phantom und dem jüdischen Stamme ein ihm wesensfremdes Reis aus griechischer Bildung aufgepfropft. In Wahrheit liegt auch hier der Vorgang erheblich verwickelter. Nicht nur die Zustimmung zu den lebensreformerischen Wertungen und der Glaube an eine verlorene Urzeit der Herzenseinfalt und Seligkeit ist bei einem Juden der Zeit Phiions auch ohne tiefere Beeinflussung durch hellenische Weisheit verständlich1, sondern 1 Berührungen zwischen rabbinischen Aussprüchen und Sätzen der Diatribe führen Bergmann, Judaica, Pestschrift für Cohen, 1912, 145 ff. und Kaminka RE J LXXII 233 ff. an. Noch unerforscht sind die Beziehungen zwischen der kynischen Lehre von der Urzeit und derjenigen mancher apokryphischer Schriften sowie der Grundschrift des Tanna debe Eliahu. Aus der leicht zu erweisenden Annäherung folgt noch nicht die quellenkritische Abhängigkeit, wohl aber, daß Phiions kynische Vorgänger glauben konnten, eine gut jüdische Anschauung zu vertreten. Die starke innere Beziehung zwischen Urchristentum und Kynismus ist bekannt. iO*