Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 146)
- Language
- German
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Kynische Quelle 143 59 Als zweites Fest bezeichnet er den Sabbat. Dieser ist der Geburtstag der Welt; wir sollen ihn daher begehen in Erinnerung an 65 die selige Urzeit, das ״Leben unter Kronos“; niemand soll an ihm sich des Feuers bedienen, das uns der Natur entfremdet und zu der 66 ff. Unnatur der Technik den Anstoß gegeben hat; überdies sollen die Freien auf die Dienste der Sklaven verzichten, vielmehr selbst diese Dienste tun, um sich durch eigenes Handanlegen an Mühe zu gewöhnen, zugleich in dem unnatürlich Unterjochten die Hoffnung auf die schöne Freiheit herzustellen (ähnlich begehen ja auch die Hellenen den Tag des Kronos ) und so einen Ausgleich gegen das naturwidrige Leben zu 69 f. schaffen, das gegenwärtig am Alltag herrscht. Selbst dem Tier sollen wir an diesem Tage seine Freiheit lassen. 140 f. Ferner hat der Gesetzgeber den Neumond ausgezeichnet, denn an diesem Tage bestrahlt das stärkere Gestirn, die Sonne, den Mond mit wahrnehmbarem Lichte. Er erteilt damit die Lehre, daß auch unter uns Menschen die Stärkeren neidlos ihr Eigentum der Allgemeinheit dienstbar machen und den Schwächeren zur Verfügung stellen sollen. 147 Das nächste Fest heißt Diabasis, wörtlich: hindurchschreiten. Denn wir müssen alle hindurchschreiten durch den Strudel der Lust, der uns mitreißen will — wenn anders wir zu wahrer Freude gelangen wollen. 159 f. Es folgt das Fest der ״ungesäuerten Brote“» Denn die ungesäuerte Kost ist eine Gabe der Natur, die gesäuerte ein Kunsterzeugnis; da nun 151 das Frühlingsfest nach der Lehre der Astronomen zur Zeit der Ent- 160 stehung der Welt gehalten wird und an sie erinnern soll, — da ferner die ersten erdgeborenen Menschen und ihre Kinder, über welche die Lust noch keine Gewalt besaß, die Gaben des Weltalls natürlich unverändert genossen, so schrieb das Gesetz für diese Festzeit die Kost vor, die ihr am besten entspricht, um alljährlich die Funken heiligernster Lebensführung wieder anzufachen, dem bedürfnis- und anspruchslosen Leben der Alten durch die Festruhe Ehre und Hochschätzung widerfahren zu lassen und unser Leben nach Möglichkeit dem der 157 Alten ähnlich zu gestalten. Ausdrücklich erklärt aber das Gesetz, daß der erste und letzte Tag des Festes heilig sein soll, um zu lehren, daß die Vergangenheit und die Zukunft im Einklang mit dem Feste und der von ihm vorgeschriebenen Lebensführung stehen soll; denn jedem dieser Tage kommt außer der eigenen Bedeutung auch die des anderen zu: des Festes Anfang ist das Ende der Vergangenheit, sein Ende der Beginn der Zukunft. Es soll also das ganze Leben des tugendhaften Menschen, wie wir sahen, einem Feste gleichen, da er die Lust aus