Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 129)
- Language
- German
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126 §4. B. 1. Analyse der Deutungen Phiions aber im kynischen Sinne nicht die beamteten Veranstalter unsittlichluxuriöser Feste1 gelten, die der Kynismus in ״Pfaffenspiegeln2“ entlarvte; vielmehr ist Priester, ja, Hoherpriester vor dem Richterstuhle der Wahrheit (§ 164), wer nach dem Gesetze des Moses lebt, das (richtig aufgefaßt!) die Begierden niederhält, und wer überdies den rechten Gottesbegriff hat. Denn wenn es nach kynischer (allerdings auch jungstoischer) Lehre3 ״von Gesetzes wegen viele Götter gibt, von Natur wegen nur einen“, so ist die jüdische Gemeinschaft die einzige, die dieser Lehre gerecht geworden ist und auf allen Kultus der vielen Götter (Philon sagt umbildend: ״des Gewordenen“) verzichtet hat. So darf und soll auch sie, wie die ersten Lehrer kynischer Lebensweisheit4, als Priester vor die Menschheit treten. — Eine solche Deutung paßt natürlich weder in den Mund jener Allegoriker, denen Phüon den Bruch mit jeder (insbesondere der jüdischen) Gemeinschaft zum Vorwurf macht, die das dpayfia als Zeichen des Dankes der Seele für die Ankunft im Lande der Tugend faßten5, noch in den der Rabbinen, denen natürlich der ״Priester“ des Schriftverses der fungierende Enkel Arons war, ausgezeichnet aber in die Denkweise der kynischen Quelle, nach der das jüdische Gesetz, buchstäblich genommen und weltanschaulich erläutert, die wahre Lebensreform lehren und zur Rückkehr zu ihr auffordem will. 1 S. o. S. 109. 2 Ueber Oinomaos’ ע<1ו1(07ץ cpwpa vgl. Weber, De Dione Chrys. 98 f. 3 Zum fgd. v.gl. Helm RE XII11 unten; auf die Unterschiede zwischen den Lehren der verschiedenen Völker, aus denen die Unwahrheit der landläufigen Begriffe nach skeptischer (Wendland, Philo über Vorsehung 35 f.) und auch kynischer Vorstellung (Duemmler, Akademiea 260) folgt, weist Philon § 164 hin; allerdings ist der Beweis für das Dasein eines Weltgottes e dissensu et consensu in der Mittelstoa weiter ausgebaut worden; aber deren kennzeichnende Gedankengänge (Heinemann, Pos. met. Schriften II 88, 106 f.) fehlen bei Phüon. Daß nur der Weise Priester sein kann, lehrt natürlich auch die alte Stoa StVFr. III 6C4. 4 Wilamowitz, Platon I 102. 5 De somniis II 75 ff.