Mannheim
Compact Memory

Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1929-01-01 · 1929 · page 65

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1929
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 65)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2720904-2721055--064-2727010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

66 dem allen. Als die neue Zeit hereinbrach und die moderne Kultur unserer Glaubensgemeinschaft nahegebracht wurde, wandelte sich das Ideal des Rabbiners, das man jahrhundertelang hegte, von Grund auf. Der geistige Führer der Gemeinde durfte nicht mehr an weltlicher Bildung und wissenschaftlicher Schulung der anvertrauten Gemeinde nachstehen. Dies war in der Vergangenheit tatsächlich nie der Fall gewesen. In der mehr als 2000 jährigen Geschichte des Rabbinertums, des einzigen Standes, der aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt, standen die Rabbiner zu allen Zeiten und unter allen Himmelsstrichen auf der Höhe der Zeitkultur. Es ist hier weder Zeit noch ist es notwendig, daß ich Namen nenne, aber wer die Geschichte kennt, der weiß, daß die geistigen Führer des Judentums in jeder Beziehung, nicht nur in der Religion, sondern auch sonst als Gelehrte hervorgetreten sind. Um so eher muß das heute der Fall sein und ist schon vor 75 Jahren und vielleicht auch früher schon der Fall gewesen; denn in meiner Heimat wollte man schon im Jahre 1806 ein Seminar gründen, und zwar aus Verhältnissen heraus, welche in Deutschland noch viel günstiger waren als in Ungarn. Damals war die Notwendigkeit eingetreten, es war eine gebieterische Forderung der Zeit, eine Synthese des Alten und Neuen zu vollbringen. Diese Synthese hat das Breslauer Seminar vorbildlich gelöst, und zwar deshalb, weil es sie in Gottesfurcht gelöst hat. Es hat den Rat des Predigers befolgt: Halte fest am Alten, aber laß auch das Neue nicht, denn der Gottesfürchtige genügt dem allen. In Gottesfurcht hat sich diese Synthese vollzogen, welche in dem ersten Direktor des Seminars, in der hervorragenden Gestalt Zacharias Frankels weithin sichtbar wurde. Seinem einzigen Prinzip, welches daraus bestand, daß man das Alte mit dem Neuen organisch verbinden muß, die Vorteile beider in sich vereinigen solle, diesem Prinzip ist das jüdisch-theologische Seminar treu geblieben, hat es konsequent befolgt. Ich darf, glaube ich, im Namen aller Anstalten, die zu vertreten ich die Ehre habe, erklären, daß im großen und ganzen dem Wesen nach in allen Anstalten eigentlich ein und derselbe Geist herrscht, wenn es auch manche Schattierungen gibt. Deshalb glaube ich, daß auf das jüdisch-theologische Seminar zu Breslau das prophetische Wort paßt: (Jesaia 426) אני ה' לןיאתיך בצדק Ich, der Ewige, habe dich berufen zum Heil. Das jüdisch-theologische Seminar ist zum Heil berufen worden; denn es diente nicht nur dem engeren Lande und auch nicht nur dem weiteren deutschen Vaterland, sondern auch dem Gesamtjudentum, wie bereits mehrfach hier hervorgehoben wurde. Sämtliche Seminare haben als Muster das jüdisch-theologische Seminar vor sich schweben lassen und alle haben sich danach eingerichtet, wenn auch in gewissen Beziehungen kleinere Abweichungen vorhanden waren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.