Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
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48 wir uns sehnen. Darum lehren wir unsere Schüler heute, nicht nur in der Universität sich zu versichern der edelsten und reinsten Frücht^ europäischen Geisteslebens; wir lehren sie auch in unserer eigenen Anstalt die führenden Lehrer der allgemeinen Geistesbewegung kennen; wir weisen sie aber vor allen Dingen darauf hin, daß die Beherrschung des eigenen jüdischen Schrifttums in Wortlaut und Gedanken die allererste Aufgabe für den Führer eines geschichtlichen, sich seiner Eigenart bewußten und in seiner Eigenart weiterstrebenden Judentums sein muß. In diesem Sinne will das Jüdisch-Theologische Seminar nicht nur Lehrstätte, sondern, wie bereits die Talmudschule, auch Bildungsstätte sein, — Bildungsstätte jüdischen Menschentums. Das Wort des weisen Hillel: ״Wenn ich nicht für mich bin, wer sonst? Und wenn ich nur für mich bin, was bin ich dann“ — es gilt nicht nur von dem Einzelnen, sondern auch von den Gemeinschaften, nicht zuletzt vom Judentum. Denn wie der Einzelne sich selbst vertieft, wenn er den Blick auf das Ganze gerichtet hält, so auch die Religionsgemeinschaft, insbesondere diejenige, die in dem Glauben an den Schöpfer aller Menschen und in der Liebe zu ihm und seinen Geschöpfen die Grundlage des religiösen Verhaltens erblickt; und wie die Gruppe erst ihren vollen Wert enthält durch das organische Ausreifen aller ihrer Glieder, so die Gesamtmenschheit dadurch, daß jede Gruppe ohne Haß und Trotz ihrem Wurzelgründe treu die besonderen Keime pflegt, die ihr durch Blut und Ueberlieferung gegeben sind. Und wenn Hillel fortfährt: ״wenn nicht jetzt, wann sonst?“,so machen wir uns auch dies Wort zu eigen. Die schweren Erschütterungen des Krieges und der Nachkriegszeit haben uns gelehrt, daß nur das Verständnis eines jeden für fremde Eigenart, zugleich aber auch die Beziehung einer jeden Eigenart auf die große Allheit, der Menschheit den ersehnten Frieden bringen kann. Auch das Judentum will seinen Beitrag an dieser Friedensarbeit leisten. Ihm Führer zu geben, die es lehren, der eigenen stolzen Ueberlieferung treu, sich einzugliedem in die Kulturgemeinschaft der Menschheit — das war vor 75 Jahren und ist noch heute die Bildungsaufgabe des Jüdisch- Theologischen Seminars.