Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
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47 Mächte des Geisteslebens sich zu behaupten ist sein Schicksal — seit Vater Jakob, ,mit Gottheit und Menschheit rang‘ ״, bis auf unsere Zeit. Und erst die Erkenntnis von der einheitlichen Aufgabe jüdischen Führertums im Wandel der Geschlechter, daraus folgend der Wille, die Geschichte aus dem Leben und das Leben aus der Geschichte zu verstehen, füllt die beiden Wechselbegriffe mit vollem Inhalt, zu denen Frankel und Graetz sich bekannten: die Begriffe der ״jüdischen Geschichte“ und des ״geschichtlichen Judentums“. Jüdische Geschichte im Sinne jenes Graetzschen Ausspruches2 pflegen, bedeutet uns nicht ein Zurechtrücken und Zurechtbiegen, vorgefaßten Meinungen oder kluger Interessenpolitik zuliebe, aber auch nicht das kalte Anschauen und Anstaunen des innerlich fremden Beobachters: wir wenden das Leben selbst an dieses Bild des Lebens, um aus eigenem Glauben, eigenem Leiden und eigenem Verantwortungsgefühl die Männer, deren Geisteserben wir sind und deren Blut in unsem Adern rollt, besser als andere es können zu begreifen. Aus solcher ״jüdischer Geschichtsbetrachtung“ im vollsten, alles ״Nachdenken des von Juden Gedachten“ einbegreifenden Umfang ergibt sich aber die Forderung des ״geschiehtliehen Judentums“ in noch umfassenderem Sinne als für Frankel; sie bedeutet uns mehr als die Verwurzelung mit dem Boden jüdischen Schrifttums und jüdischer Lebensform; wir verstehen sie als das Gebot lebendigen Zusammenhanges mit den führenden jüdischen Menschen früherer Jahrhunderte und den Vorsatz, uns als demütiges Glied anzureihen, jeder nach seinem Vermögen, an die großen Gesetzeslehrer, Denker und Organisatoren der Geschichte. Der Blick aber auf jene Männer, die die Selbständigkeit jüdischen Geisteslebens im Strome der Kultur zu wahren wußten, bestärkt uns nicht nur im Glauben an unser Recht und unsere Pflicht, ihr Werk innerhalb unserer Zeit und für unsere Zeit -weiterzuführen, sondern er lehrt uns zugleich die Bedingungen erfassen, an welche das Gelingen unserer Arbeit geknüpft ist. Nicht da ist die Synthese des Judentums und der Weltbildung, wie sie uns vorschwebt, in vollem Maße geglückt, wo der Strom der Kultur nur durch trübe Seitenbäche den Weg ins Judentum fand, wie fast durchweg in der Zeit rabbinischer Weisheit; nicht da ist sie auch nur einigermaßen gelungen, wo die führenden Lehrer des Judentums die heilige Sprache vergaßen mit ihrem unübersetzbaren und unersetzbaren religiösen Inhalt, wie in der Zeit des alexandrinischen Judentums. Nur wenn der Jude es verstanden hat, ״im Eignen Meister sein und Schüler aller echten Geister sein“, konnte und kann jenes kulturfrohe, geschichtsbewußte Judentum erwachsen, nach dem 2 S. S.