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Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1929-01-01 · 1929 · page 45

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Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1929
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 45)
Language
German
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IRI
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46 die jüdische, aber auch für die christliche Frömmigkeit^ Rudolf Ottos bekannte Forschungen dargetan haben. So bewegen sich denn jüdisches Leben und jüdische Wissenschaft der letzten 100 Jahre in eigentümlich konvergierender Richtung. Hier wie dort steht am Anfang die Abgeschlossenheit, man möchte noch schärfer sagen: die Autarkie des Ghetto; wie das Leben nach den Werten der Umwelt nicht fragte, so erfaßte man auch das jüdische Schrifttum rein aus sich selbst und ging an den Wechselwirkungen zwischen Judentum und Nichtjudentum, aus denen einst Maimunis Schule sogar manche biblische Gesetze erläutert hatte, geflissentlich vorbei. Mit dem Falle des Ghetto im Leben fällt auch die Scheidewand in der Geschichtsbetrachtung; und wie im Leben zunächst erkannt wird, was der Jude der Umwelt entnehmen kann und zur Ergänzung seines eigenen Wesens entnehmen muß, so tritt auch in der Vergangenheit vor allem das Augenfälligste, die Abhängigkeit jüdischen Denkens von dem der Umwelt, hervor; selbst Gabirol und Maimuni, deren Einwirkung auf das christliche Denken früh erkannt wurde, bilden kaum eine Ausnähme, da sie mehr als Vermittler hellenischen Geistes, denn als Vertreter des jüdischen gelten. Erst seit der Wiedergewinnung des natürliehen Verhältnisses zur Ueberlieferung beginnt der Jude die Eigenkräfte, die er in sich fühlt, planmäßig zu belauschen in der Geschichte. Wiederum berichtigen die Entdeckungen der Geschichtswissenschaft* die Vorstellung vom Wesen des Judentums — oder doch des jüdischen Führertums, die die vorwissenschaftliche Erkenntnis erzeugt hatte. Das Judentum, wie der Blick auf seine schöpferischen Menschen es uns erkennen lehrt, gleicht weit weniger der ,,wohlvermauerten Zisterne, die keinen Tropfen verliert“, als ,,dem Quell, der sich mächtig erneuert“; es verlangt von seinem Führer mehr als die Tugend der tragsamen Seele oder die geradlinige Weiterführung einer Gedankenentwicklung, wie die griechische oder die neuzeitliche Philosophie sie auf weisen mögen1: in immer erneutem Ringen gegen die menschlichen, allzumenschlichen Mächte der Gewalt wie gegen die mehr als menschlichen 1 Die richtige Beobachtung Max Wieners (Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland I 202) ״daß die Versuche, jüdische Denk- und Lebensgestaltung systematisch darzustellen, sozusagen insei־ haft nebeneinanderstehen“, gilt zunächst für das 19. Jahrhundert, das er im Auge hat, in gewissem Sinne aber auch für das Judentum des Altertums und des Mittelalters. Auch zwischen talmudischer Weltschöpfungslehre, Saadja, Jehuda Halevi, Maimuni, Sohar besteht nur ein sehr loser Zusammenhang; jene Systeme sind weit eher, wie es M. Wiener für die des 19. Jahrhunderts tut, als selbständige Reaktionen auf Anregungen der Außenwelt zu verstehen denn als Glieder einer ״einheitlichen“ Entwicklungsreihe.

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