Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
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45 nur an eine verwandte Strömung im Islam anknüpfend, sondern, wie die nähere Ausführung zeigt, aus jenem jüdisch-religiösen Leben schöpfend, dem er auch in seinen synagogalen Dichtungen Ausdruck lieh. Je deutlicher uns, zum wesentlichen Teil durch das Verdienst christlicher Denker des 19. Jahrhunderts, der grundlegende Unterschied von Metaphysik und Religion geworden ist, desto klarer erkennen wir an diesem einen Beispiel, dem manches andere zur Seite steht1, daß der Jude eben durch seine Verwurzelung in dem Judentum, eben durch das Festhalten an seiner jüdischen Eigenart zugleich der allgemeinen Kultur am wertvollsten dienen kann. Durch dies Ergebnis, dessen Durchführung im einzelnen eines der Hauptanliegen der gegenwärtigen Wissenschaft des Judentums bildet, wird für das nachbiblische Judentum dieselbe Erkenntnis gewonnen, die wesentlich durch nicht jüdische Forscher für das biblische Altertum errungen wurde. Auch hier neigte man anfangs dazu, jede Beziehung zwischen Israel und seiner Umwelt zu verkennen, später — ich denke an Schillers ,,Sendung Mosis“ und an Delitzschs ,,Babel und Bibel“ — zur einseitigen Herausarbeitung der Abhängigkeit der Juden von ihren Nachbarvölkern. Wir sehen heute, daß gewiß viel mehr gemeinorientalisches Gut in das Denken unserer Vorfahren eingedrungen ist, als man zu Frankels Zeit ahnen konnte, und daß jeder Versuch, das jüdische Gut rein aus sich zu erklären, notwendig lückenhaft bleiben muß. Aber wir sehen auch, daß das jüdische Denken — und zwar nicht nur die von der Offenbarung befruchtete Prophetie, sondern auch der im Sprachwandel sich auswirkende Volksgeist — dies überkommene Gut eigenartig umgebildet und ihm erst durch diese Umbildung einen auf Jahrtausende hinaus wirkenden Inhalt gegeben hat. Mag sein, daß die Babylonier alle acht Tage einen Trauertag hielten: den siebenten Tag zum Tage der Ruhe und des Segens gemacht zu haben, ist die Leistung des Judentums, zunächst des biblischen, dann aber auch des nachbiblischen, das ihm den Gottesdienst gab und dadurch erst seinen vollen religiösen Wert zum Bewußtsein brachte. Und so gewiß die Wurzel, die im Hebräischen den Begriff der Heiligkeit bezeichnet, gemeinorientalischen Ursprungs ist, erst Israel hat ihr den eigentümlichen sittlich-religiösen Sinn gegeben2, dessen grundlegende Bedeutung für 1 Ich denke vor allem an Crescas, dessen religiös begründete Selbständigkeit jetzt durch Wolfson, Crescas Critique of Aristotle, 1929, eingehend gewürdigt worden ist. 2 Vgl. meine Ausführungen MGWJ 1923, 279 f., wo auf weiteres verwiesen ist.