Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
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44 die ungebildete Masse zwar gewiß mancher Aberglaube aus der Umwelt eindrang, niemals aber unsittliche oder grausame Riten* 2, so ist es offensichtlich die eigenartig־]üdische Lebensform, die in den höheren wie in den niederen Schichten die Auswahl trifft. Dieselbe Lebensform bewährt sich aber auch in bewußter Kritik und Umbildung fremder Denkweise. Und es ist von größter Wichtigkeit, daß gerade diejenigen Denker, die am tiefsten in jüdischer Lebensform wurzelten, ohne sich der allgemeinen Kultur zu verschließen, zu den zukunftskräftigsten Persönlichkeiten gezählt und die Schranken ihrer Zeit zu überwinden gewußt haben3. So hat Jehuda Halevi im Gegensatz zu dem Rationalismus des Mittelalters, der die Religion aus wissenschaftlichem Denken zu erzeugen suchte, die Eigenart des religiösen Erlebnisses betont und es sogar mit dem künstlerischen Erlebnis in Beziehung gesetzt4 — nicht und im jüdischen Mittelalter“ 37 ff.). ■— Hierher gehört auch, daß trotz der starken Abhängigkeit der Kabbala von christlichen Vorstellungen, insbesondere von Dionysios Areopagita, dessen Lehre von der /.üxXtxrj £i00$0c als dem ,,ledigen Grunde“, in welchem sich die Berührung von Seele und Gott bis zur vollen Einswerdung vollzieht, in das Judentum nicht eindringen konnte. 2 Je deutlicher uns die Zusammenhänge talmudischer Geheimlehren mit der Gnosis werden, um so lehrreicher ist, daß die unglaublichen Ver־ irrungen gnostischer Sekten ganz außerhalb des Gesichtskreises des Juden tums lagen. In der jüdischen ״Mystik“ spielt, mindestens seit dem 13. Jahrhundert, das Sexuelle eine sehr bedeutende Rolle; aber zu Ausschweifungen kam es nie, mit einziger, die Regel bestätigender Ausnahme des vom Judentum abgefallenen Jakob Frank (18. Jahrh.). 3 Allgemeines über die Selbständigkeit des jüdischen Geistes in der Umbildung der ursprünglich fremden Bildungsstoffe findet sich in meinen Büchern: Die Lehre von der Zweckbestimmung des Menschen im griechischrömischen Altertum und im jüdischen Mittelalter 95 ff.; Phiions griechische und jüdische Bildung 79, und in meiner Besprechung des diese Selbständigkeit temperamentvoll überspannenden Buches von N. H. Adlerblum, A Study of Gersonides, MGWJ 1927, 474. 4 Kusari V 16: ,,Der Dialektiker ist dem Weisen darin überlegen, daß er Zweifelnde durch Argumente überzeugen kann. Die dialektische Behandlung kann aber dem Glauben sehr schädlich werden. Etwas ähnliches sehen wir bei den Metrikern, von deren Wissen man jetzt so viel Aufhebens macht: der Naturbegabte fühlt das Versmaß von selbst, ohne sich einen Fehler zu Schulden kommen zu lassen; und so ist denn das ganze Streben (der Metriker), zu sein wie jener (Geniale), der in der Verstechnik unwissend zu sein scheint, weü er sie allerdings nicht zu lehren vermag, wie es jene vermögen. Aber freilich kann ein solcher Naturbegabter andere Naturbegabte durch eine leise Andeutung belehren; and so zünden in den Seelen der für Religion und Gottesnähe Begabten die Worte der Frommen gleichsam Funken an und lassen Flammen aufglühen in den Herzen, während sie ohne jenen Naturbegabten der vielleicht unnützen, vielleicht gefährlichen dialektischen Kunst bedürften“.