Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
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43 einem ,,Großen“ — einem גדול oder גאון — nur einen Meister der Talmudforschung verstanden hatte, so erwies sich jetzt, daß es auch andere Formen echt jüdischer Geistesgröße, andere jüdische Wege zu Gott gab als den einen, gewiß bedeutenden und kennzeichnenden Pfad der Auslegung des überlieferten Gesetzes. Aus dem volleren und reicheren Bilde von der Geschichte jüdischer Frömmigkeit ergab sich aber zugleich ein weiterer und richtigerer Begriff oder vielmehr eine tiefere Empfindung ihres Wesens. Wohl läßt sich dies Wesen nicht in Definitionen einfangen, so wenig wie Lebendiges überhaupt: aber wenn wir es sich entfalten sehen in dem Scharfsinn und der Gewissenhaftigkeit der Gesetzeslehrer, in der durchhaltenden Wahrheitsliebe der Denker und im Schönheitsdrang der Dichter und der Kabbalisten, dann wenden wir auch auf das Judentum das tiefe Wort an, das Goethes Faust beim Anblick des Regenbogens sprach, in dem sich die Sonne bricht: Am färb״gen Abglanz haben wir das Leben! Und doch enthielt die jüdische Wissenschaft, so gewiß sie zur Klärung und Berichtigung des jüdischen Selbstgefühls führte, andererseits wieder eine Gefahr für seine Kraft. Wahre Wissenschaft duldet keine Isolierung, wie noch die Talmudschule sie kannte; so deckten auch die Erforscher mittelalt erlich-jüdischen Geisteslebens die Quellen auf, aus welchen die Denker geschöpft, die Vorbilder, an welchen die Dichter sich gebildet hatten; und addierte man gleichsam die einzelnen Ergebnisse, so konnte es scheinen, als sei jüdische Wissenschaft und Dichtung lediglich ein Reflex griechisch-arabischen Lebens, an welchem dem Judentum ein schöpferischer Anteil nicht zukomme. Allein dieser erste Eindruck berichtigte sich von selbst, sobald man über die Einzelforschung hinauskam und in der Lage war, das Gesamtbild des jüdischen Lebens demjenigen des griechischen und des arabischen gegenüberzustellen. Wenn der denkende Jude im Altertum niemals den Versuchungen der Skepsis und den Reizen epikureischer Denkweise erlag, wenn er sich im Mittelalter nie zu jener krassen Verdammung des Fleisches verstand, die er bei so manchen christlichen und arabischen Vorgängern vorfand1, wenn die Ehebrachslyrik geistlicher und weltlicher Dichter des Mittelalters im Judentum fast ohne Nachhall blieb und in 1 Sehr lehrreich ist dies bei Saadia zu erkennen, der in der Psychologie im allgemeinen zweifellos den Lauteren Brüdern weit näher kommt als dem sonst für ihn maßgebenden Kalam, aber von deren krassen Vor- Stellungen über den Leib als ״Kloake“ (Dieterici, Anthropologie Übers. 131) völlig abweicht. Bezeichnend ist auch, daß Bach ja zwar das Wortspiel dm — dunjd (Frömmigkeit <— Weltlichkeit) aus dem Islam übernimmt, aber in der Entwertung der Welt lange nicht so weit geht, wie die Jenseitsmystik, von der er sich gelegentlich abhängig zeigt (vgl. meine ״Lehre von der Zweckbestimmung des Menschen im griechisch-römischen Altertum