Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
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41 aber keineswegs ersparen. Und doch gilt Frankels Wort, daß die Wissenschaft das Herz des Judentums sei, wenn auch wohl in etwas anderem Sinne, heute, nach 75 Jahren jüdisch-wissenschaftlicher Arbeit, noch viel gewisser als damals. Aus dem Kreise der Gelehrten sind ihre Ergebnisse durch Wort und Schrift in das Bewußtsein der Gemeinde getragen worden; was wir jüdisch-geschichtliches Bewußtsein nannten, wäre leere Phrase, wenn nicht die neuere Wissenschaft das Bild der jüdischen Geschichte gezeichnet hätte, das den Männern der Talmudschule mit geringen Ausnahmen fast unbekannt geblieben war. Gewiß kannten sie die Werke der großen Gesetzeslehrer, der Bibel- und Talmuderklärer; aber diese Werke gingen von Hand zu Hand, von Mund zu Mund, wie Volkssage, Volksdichtung und Volksweise allenthalben, ohne daß man an die Persönlichkeit des Verfassers dachte, ja, ohne daß man seinen Namen auch nur erwähnte; wer erinnerte sich bei der Lektüre des bekanntesten Gesetzbuches des Judentums an den glühenden Mystiker Josef Karo, der es geschaffen! Erst die Neuzeit, die trotz aller soziologischen Bindungen doch das unverkümmerbare Recht und die Größe des Individuellen zu schätzen weiß, hat hinter dem Unpersönlichen und dem Ueberpersönlichen die Persönlichkeiten, die großen jüdischen Persönlichkeiten der Geschichte, zu entdecken und zu würdigen verstanden. Und erst sie gewann die Maßstäbe, um auch diejenigen Leistungen unserer Ahnen zu würdigen, die über das Ethische und Religionsgesetzliche hinausgingen. Die Männer der Talmudschule, nach deren Ansicht Gott in der Welt wirklich ״nichts zu eigen hatte als die vier Ellen der Halacha“, griffen wohl manchmal zu Bachjas ״Buch der Herzenspflichten44 und zu dem ״Führer der Verirrten“ des Maimuni, um sich im sittlichen Wandel oder im Bibelglauben zu befestigen; aber erst seit man die Berührung mit der Weltphilosophie, mit der philosophia perennis, wiedergewonnen hatte, aus der jene Werke entstanden waren, fand man die innere Beziehung und das Verständnis wieder für jene kühnen Denker, die sich weigerten, ״die Ueberlieferung an Stelle des Nachdenkens treten zu lassen1 2*4, die ״der Vernunft mehr trauen wollten als dem Auge244, die ohne jede Aussicht auf Rang und Würde, auf Schulhäupterschaft oder Professur, das ,,Joch der Wissenschaft44 nur deshalb ״zu Ende trugen'4, da ihnen der Verzicht auf die eigene Prüfung des Überkommenen bei demjenigen, der dazu befähigt war, als ״Frevel an der 1 Bachja, Herzenspflichten Einl. S. 15, 2 der arab. Ausg. 12 der Uebersetznng ed. Steen gegen den Grundsatz הקבלה תעמד במקום העיון 2 Maimuni, Einl. in die Mischna ed. Hambtjegee S. 8 unten.